Ihren großen Tag erlebt heute Elisabeth Brasack aus Schönebeck. Sie feiert ihren 100. Geburtstag und erwartet rüstige Besucher: Ihre jüngste Schwester (96 Jahre) und die Frau ihres Bruders, die 93 Jahre alt ist.

BadSalzelmen l Es war an einem Sonntag: Am 23. August 1914 - also heute auf den Tag genau vor 100 Jahren - wurde Elisabeth Brasack als zweites von sechs Kindern in Dessau geboren. Es ist das Jahr, in dem in Europa der Erste Weltkrieg ausbricht, in den USA Erfinder Henry Ford die Produktion des Automobils Ford Modell T auf Fließbandfertigung umstellen lässt und in Bologna das Automobilunternehmen Maserati gegründet wird. Diese großen Ereignisse hatten für die kleine Elisabeth weniger Bedeutung. Ihr Vater war Pfarrer in Veltheim am Fallstein/Nordharz. Dort verlebte Elisabeth mit ihren drei Schwestern und zwei Brüdern eine behütete Kindheit.

So kam die Schulzeit. Die kleine Dorfschule brachte nicht genug, deshalb kam sie nach Gnadau in die Zinsendorfschule, ein Mädchengymnasium mit Pensionat. Elisabeth jedoch bekam dort großes Heimweh, weil recht strenge Sitten herrschten. Daraufhin holte ihr Vater sie nach Hause. Sie erhielt bei ihm den Schulunterricht, das war damals noch möglich. Als sie erwachsen war, ging die heute 100-Jährige zu den Großeltern nach Dessau. Dort begann sie ihre Tätigkeit bei der Post als Telefonistin, war sozusa- gen das nette "Fräulein vom Amt".

Den Urlaub verbrachte sie immer in Veltheim. Dort gab es in der Sommerzeit viele Feriengäste. Eines schönen Tages brachte ein Freund des Hauses seinen Freund mit. Dieser war ein junger Witwer und hatte einen kleinen Sohn. Er war auf Drängen seiner Familie auf der Suche nach einer geeigneten Frau und Mutter für sein Kind. So lernte Elisabeth ihren Mann kennen. Sie heirateten im Oktober 1939. Der neue Wohnort wurde Schönebeck-Bad Salzelmen, wo Elisabeth Brasack bis heute lebt. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor.

Die ersten Ehejahre wurden allerdings durch den Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit überschattet. Man wohnte in den ersten Jahren in einem kleinen Haus an der Dr.-Tolberg-Straße, genau dort, wo sich heute das Solequellbad befindet.

Mutter zauberte irgendwie immer Essen auf den Tisch

Es war große Not nach Kriegsende. Sehr kalte Winter 1946/47, kaum Heizmaterial und wenig zu essen. Aber Mutter Elisabeth war da sehr erfinderisch. Irgendwie zauberte sie immer Essen auf den Tisch. Aus getrockneten Kohlrüben oder getrocknetem Kohl gab es oft eine Suppe, so erinnern sich die Jubilarin und ihre Kinder noch heute.

Auch in Sachen Bekleidung war sie erfinderisch. Sommerkleider wurden aus Fahnenstoff oder bunter Bettwäsche genäht, Mantelstoffe wurden gewendet und aus Alt Neu gemacht.

Elisabeth Brasack war ihr Leben lang mit der Kirche verbunden. In der Nachkriegszeit arbeitete sie eine Zeit lang beim Kirchensteueramt. Das war natürlich keine leichte und vor allem recht undankbare Aufgabe, denn die Kirchensteuer wurde bei den Leuten persönlich zu Hause kassiert. Das Geld war knapp, und da gab es nicht nur freundliche Worte.

Später war sie im Bad Salzelmener Gemeindekirchenrat, im Mütterkreis, in der Frauenhilfe und im Kirchenchor von St. Johannis. Das Singen und Musizieren lag ihr sehr am Herzen. Zu Hause wurde viel gesungen, und allen Kinder wurde die Möglichkeit gegeben, ein Instrument zu erlernen. Sie selbst spielte Klavier. Um so trauriger war es, dass eben das Klavier in der Hungersnot beim Bauern gegen Lebensmittel eingetauscht werden musste. Einige Jahre später erhielt die Familie das Kla- vier der Großeltern. Dieses steht noch heute im Wohnzimmer.

Für wunderschöne Weihnachten sorgte Mutter Elisabeth auch immer, berichten die Kinder. Große Geschenke gab es zwar nicht, aber alle waren immer glücklich und zufrieden. Wenn am Heiligabend das kleine silberne Glöckchen ertönte, durften alle Kinder die Weihnachtsstube betreten. Mutter Elisabeth spielte am Klavier, es wurde gesungen und danach die Geschenke besichtigt. Alle haben sich immer sehr gefreut und danken ihrer Mutter noch heute für alle Fürsorge.

Jubilarin wohnt seit Jahren bei Familie ihres Sohnes

Es gab im Laufe der Jahre noch einige Wohnungswechsel innerhalb Bad Salzelmens. Aber die Familie wohnte eigentlich fast immer im, am oder in unmittelbarer Nähe des Kurparks, was wohl erklärt, wie Elisabeth Brasack mal so einfach 100 Jahre alt geworden ist.

Seit fast 33 Jahren wohnt die rüstige Dame bei ihrem jüngsten Sohn und deren Familie. Seit dem Jahr 2001 im auf ihre inzwischen eingetretene Pflegebedürftigkeit ausgerichteten Haus gemeinsam mit Schwiegertochters Mutti, die für Leib und Seele sorgt. Durch den Einsatz des Pflegepersonals des ambulanten Pflegedienstes Burghof erfährt die Familie seit vielen Jahren Unterstützung. So kann ihr ein Leben im häuslichen Bereich ermöglicht werden.

Dorthin kommen nun auch immer wieder gern ihre dankbaren Kinder, Enkel und Urenkel mit ihren Familien, um sie zu besuchen. Fast täglich schaut Enkel René mit Urenkel Philipp vorbei. Sie wohnen ebenfalls ganz in der Nähe zum Kurpark ...

Übrigens wird zur Feier des Tages auch Elisabeth Brasacks heute jüngste Schwester - bald 96-jährig - erwartet und die Frau ihres verstorbenen Bruders (93 Jahre). Der zweiten noch lebenden Schwester (97 Jahre) ist das Reisen leider nicht mehr möglich.

Das alles zeigt: Das Altwerden gehört zur Familie Brasack. Wenn das keine guten Gene sind?!