Kleingärtnern ist kein altbackenes Hobby. Junge Familien zeigen in der diesjährigen Gemeinschaftsaktion von Volksstimme und Gartenverband, dass Mähen, Sähen und Jäten durchaus Erholung bieten kann und dass der Kleingarten eine Oase ist, in der sich Kinder austoben können. Heute: Der Verein "Reichsbahn I".

Schönebeck l "Das ist Luise", sagt der zwölfjährige Tim-Steffen voller Stolz. In den Händen hält der junge Schönebecker ein braunes Huhn. "Luise ist das einzige mit einem Namen", erklärt er. Vier Gackerhühner hält seine Familie insgesamt, Luise durfte Tim-Steffen beim Kauf aussuchen. Bei seinen Eltern Magdalena und Steffen Mutsch sorgt die Tierliebe ihres Sohnemannes für strahlende Gesichter. Sie freuen sich, dass sich ihr Sohn in ihrem Garten wohl fühlt - schließlich ist diese Oase für die jungen Eltern etwas ganz Besonderes.

"Wir sind jeden Tag im Garten, ein Leben ohne ihn können wir uns gar nicht mehr vorstellen", sagt Magdalena Mutsch. Wenn man sich das Reich ansieht, das sie sich mit ihrer Familie inzwischen geschaffen hat, ist diese Ansicht leicht nachvollziehbar. Denn die junge Familie bewirtschaftet nicht einfach nur einen Kleingarten. Nein, insgesamt drei nebeneinanderliegende Parzellen á 650 Quadratmeter bilden den Rückzugsort der vierköpfigen Familie. Angefangen hat die Mutsche Gärtnerkarriere in dem Verein "Reichsbahn I", Am Kunstanger, 1999. "Mein Mann ist ein Naturmensch", sagt die 33-Jährige. Als zweiten Grund führt sie ihren Erstgeborenen an. "Denn für Kinder ist der Garten optimal", sagt sie. Im August 2013 wurde eine Parzelle nebenan frei. "Die haben wir dazugenommen, weil die Laube schöner ist als unsere alte", berichtet sie. In diesem Jahr wurde eine weitere Parzelle frei. Und so bewirtschaften die jungen Schönebecker seit August drei Kleingärten. "Was sollen wir nach der Arbeit sonst machen", fragt sie mit einem gewinnenden Lächeln.

Drei Gärten also auf einer Fläche von rund 1800 Quadratmeter, da fällt doch viel Arbeit an? "Uns bereitet das Freude", sagt Steffen Mutsch. Angebaut werde alles, "was der Garten hergibt". Ob Tomaten, Gurken, Zwiebeln oder Äpfel und Peperoni, die Vielfalt in dem Mutschen Gartenreich ist groß. Auch Siegfried Kliematz vom Verband der Gartenfreunde kann nur staunen. "Die Tomatenanlage ist vom Feinsten", lobt er nach einem kleinen Rundgang.

Und auf einmal steht Tim-Steffen wieder vor den Erwachsenen, dieses Mal nicht mit Huhn Luise in den Armen, sondern mit frischen Eiern in den Händen. Auch das ist Natur - denn in der eigenen Ernte und den Eiern steckt hundert Prozent Bio drin.

Täglich verbringen Magdalena und Steffen Mutsch Zeit in ihrer Oase. "Andere fahren in den Urlaub, wir sind hier", sagt Magdalena Mutsch. Seit ein paar Jahren haben sie auch einen Pool für die sommerliche Erfrischung im eigenen Reich. "Für den haben wir lange gespart", sagt die junge Mutter.

Das freut vor allem die Kinder. Auch wenn die Pubertät bei den zwölf- und 15-jährigen Söhnen schon an die Tür klopft, so steht der Kleingarten auch bei ihnen hoch im Kurs. "Die Jungs mähen sogar den Rasen beim Vorstand des Vereins", erwähnt Steffen Mutsch.

Das freut nicht nur die stolzen Eltern. Auch Peter Laue, Vorsitzender des Kleingartenvereins findet das lobenswert. "Ich bin glücklich und zufrieden, dass wir Familie Mutsch bei uns haben", sagt er. Insgesamt 48 Parzellen gehören zu seinem Verein. Davon werden sieben durch junge Familien bewirtschaftet.

Das Thema der Gemeinschaftsaktion von Volksstimme und Gartenverband ist in diesem Jahr, dass junge Familien für das Hobby Garten werben. Und so ist es kein Wunder, dass der Vereinsvorsitzende Peter Laue nicht nur Familie Mutsch vorstellt. Ein paar Meter den Gartenanlagengang weiter befindet sich eine Parzelle etwas abseits. Auf den ersten Blick wird klar, hier ist noch viel zu tun. Kein Wunder, denn Juliane Faust, ihr Freund Daniel Mann und Töchterchen Leonie kümmern sich erst seit vier Monaten um das Stück Grünfläche.

"Unsere Wohnung ist ohne Balkon", sagt die 31-jährige Eggersdorferin. Da ihre Schwägerin in spe bereits einen Garten im Verein "Reichsbahn I" bewirtschaftet, hat sich die dreiköpfige Familie von dem Hobby anstecken lassen und sich ebenso für diesen Verein entschieden. "Wir kümmern uns jetzt erst einmal um die Beete und im Herbst werden wir die Laube auf Vordermann bringen", berichtet die junge Mutter von den "Familienplänen". Die neunjährige Leonie hat indes ihr eigenes Beet hergerichtet. Sie ist Feuer und Flamme und hilft gern im Garten, damit er sich bald zu einer Wohlfühloase entwickelt.

"Wenn es möglich ist, dann sind wir jeden Tag hier draußen", sagt die Eggersdorferin. Auch wenn die junge Familie erst seit vier Monaten zu den Kleingärtnern gehört, so sind sich die Drei einig: "Wir wollen dieses Hobby nicht mehr missen." Solche Worte hört Peter Laue gern. Erstens möchte er Beständigkeit in seinem Verein und zweitens will er den Leerstand in händelbaren Ausmaßen haben. Derzeit stehen acht Kleingärten bei "Reichsbahn I" leer.

 

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