Kerstin Behrendt (48) bekam am Sonntag selbst große Augen, als sie in ihren Blumen eine "Monsterraupe mit blauen Augen" entdeckte. Es war die "Vorstufe" eines Oleanderschwärmers, die eigentlich in unseren Breiten nichts zu suchen hat.

Barby l "Es sah aus, als ob jemand zum Spaß in den Oleander eine Plasteröhre gehängt hat", berichtet Hartmut Behrendt (58), der zuerst seine Gattin verdächtigte. Doch bei näherer Betrachtung stellt sich die Gefräßigkeit der "Röhre" heraus. Es ist eine Raupe: neun Zentimeter lang, dick wie ein kleiner Finger, rotbraun. "Die sieht mit ihren blauen Augen wie ein Alien aus", staunt Kerstin Behrendt.

Nördlich der Alpen äußerst selten

Und weil sie ein moderner Mensch ist, bemüht sie das Internet. Nach wenigen Klicks steht fest, dass die Barbyerin in ihrem Traumgarten in der Hansastraße einen Oleanderschwärmer zu Besuch hat. Das ist ein Schmetterling aus der Familie der Schwärmer. Er kommt vorwiegend in den Tropen und Subtropen vor. Mit einer Spannweite von bis zu zwölf Zentimetern (!) gehört er zu den größten seiner Art. Sein Flugstil ähnelt dem der Kolibris, und er erreicht damit eine Geschwindigkeit von 50 km/h. Die nachtaktiven Tiere fliegen von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Sie bevorzugen ganzjährig Temperaturen knapp unter 30 Grad und eine Sonnenscheindauer von zwölf bis 14,5 Stunden pro Tag.

Aber was da in Behrendts Garten den Oleander verputzt, ist ja nur erst mal die "Vorstufe" zum Schwärmer.

Der Nachtfalter liebt also große Hitze. Nördlich der Alpen ist er deswegen ein sehr seltener Gast. Denn bei uns ergeben sich einige Probleme: Die Bodentemperaturen liegen nicht durchgehend über 25 Grad Celsius. Wie die Fachliteratur sagt, sei die Ankunft der bildschönen Schwärmer das Eine, die Reifung der abgelegten Eier das Andere: Sie sei nur in heißen Jahren möglich. Soll heißen: Die Entwicklung zur Raupe und dann zur Puppe ist äußerst selten. Doch in diesem Jahr klappt der Prozess offensichtlich.

Meckere noch einer über den Sommer `14 ...

Auch für Uwe Frömert vom Schmetterlingshaus im Elbauenpark Magdeburg sind die Barbyer Oleanderschwärmer eine kleine Sensation. "Wir haben die Puppen bisher aus England angekauft, wo sie gezüchtet werden", verrät er. Vor gut zwei Wochen bekam er einen Anruf von Rita und Bertram Gast aus Barbys Magdeburger Tor. Das naturverbundene Paar hat einen sehr kleinen und von alten Gebäuden abgeschlossenen Hof, der nur von fliegenden Kreaturen erreichbar ist. Dem Oleanderfalter muss er vor Monaten gefallen haben, weil er hier jene Pflanze "roch", die auch Rosenlorbeer genannt wird.

Hier holte sich Uwe Frömert vor 14 Tagen ein knappes Dutzend Raupen ab, die bereits stattliche 12 Zentimeter lang waren. Der Leiter des Schmetterlingshauses hat eine Theorie, warum einige Schwärmer unsere Breiten erreichten und im Oleander ihre Eier ablegten: Ein heißer Wüstenwind aus der Sahara erreichte Mitteleuropa. "Der wird auch den Oleanderfaltern über die Alpen geholfen haben", vermutet Uwe Frömert.

Die elf munteren Raupen der Familie Gast sind jetzt im Schmetterlingshaus Magdeburg zu sehen. Was normalerweise aus einer britischen Aufzuchtstation importiert werden muss, hatte jetzt seinen (natürlichen) Ursprung in ... Barby.

"Wenn die Raupe zum Verpuppen bereit ist, verfärbt sie sich braun, damit sie am Boden besser getarnt ist, auf welchem sie herumkriecht, um einen geeigneten Verpuppungsplatz zu finden", erklärt der Fachmann die farbliche Veränderung. Sie spinnt sich zu diesem Zweck zwischen Boden und losen Blättern ein.

Drohgebärde durch "Scheinaugen"

Aber was hat es mit den "blauen Augen" auf sich, die die Familie Behrendt so entzücken? Wenn sich die Oleanderraupe bedroht fühlt, zieht sie ihren Kopf ein und präsentiert dadurch als Drohgebärde ihre himmelblauen Augenflecke (Scheinaugen).

Wer sich die Barbyer "Aliens" angucken möchte, kann dies im Magdeburger Schmetterlingshaus tun (sieh Infokasten).

 

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