Ein unverwechselbares bauliches Kleinod ist das "Prinzeßchen". Der einstige Turm der Barbyer Stadtbefestigung wurde vermutlich im 13. Jahrhundert errichtet und mehrfach umgebaut. Er war "Lusttürmchen" der Herzöge, Sternwarte der Herrnhuter Brüder, danach 140 Jahre in Privatbesitz. 1961 begann seine Nutzung als Heimatmuseum.

Barby l Vor wenigen Wochen hatten ein paar ältere Besucher des Theatersommers ("Keine Leiche ohne Lilly") ein Déjà-vu: Die Installation von Stuhlreihen und Bühne erinnerte an die Tausendjahrfeier 1961, wo der Schlosspark zentraler Kulturort des Festes war und es dort ähnlich aussah.

Es sollte über ein halbes Jahrhundert dauern, bis der Parkrasen für die schönen Künste wieder entdeckt wurde.

All das geschah unweit einer Stele, die seit 1986 das Abbild Jakob Friedrich Fries zeigt.

Daneben befindet sich die Zierde des Parks, die ihn unverwechselbar macht - das "Prinzeßchen".

Persönliche Herausforderung

Das marode "Prinzeßchen" (nach dem heute die benachbarte Grundschule benannt ist) war vor der Tausendjahrfeier die ganz persönliche Herausforderung des damaligen Dachdeckers und Heimatfreundes Günter Zenker. "Dorthin habe ich auch schon mal Baumaterial von meinem Vater umgeleitet", erinnert er sich.

Damals arbeitete er im Dachdeckerbetrieb seines Vaters Otto. Der hatte dessen Begeisterung für "olle Türme und Gebäude" schon Anfang der 50er Jahre erkannt, als der Filius noch Lehrling war. "Mein Vater hat mich 1951 ins Schloss geschickt, um das Mansard-Dach zu reparieren", weiß Günter Zenker noch genau. Das Barockschloss war zu jenem Zeitpunkt Kaserne der Sowjetarmee, die auch das Mauertürmchen einverleibt hatte. Dorthin muss der damals 17-Jährige bereits sehnsüchtig hingeschielt haben, wohl wissend, dass es tabu ist.

1945 hatte eine schlechte Zeit für das "Prinzeßchen" begonnen. Fenster und Dielung wurden kurz nach dem Krieg herausgerissen, weil man "Schätze" darunter vermutete.

In Vorbereitung der Tausendjahrfeier 1961 machte sich Bürgermeisterin Maria Krause dann Gedanken. Es war 1959, als sie sagte: "Das `Prinzeßchen´ wird frei, die Freunde ziehen ab. Was machen wir jetzt damit?" (Mit "Freunde" war die Rote Armee gemeint, weil Russen diffamierend und Sowjets ein Terminus des Klassenfeindes war, Anmerkung d. Red.)

Kreisdenkmalspfleger Otto Held winkte skeptisch ab. In nicht mal zwei Jahren eine Ruine wieder auferstehen lassen? Doch Günter Zenker, der 25-Jährige, nahm die Herausforderung mit jugendlicher Unbedarftheit an: "Das schaffen wir, wenn ihr mir helft."

Kühe selber melken

Und so kam es. Im Finalstadium musste Ehefrau Käte die Kühe selbst melken, wenn der Gatte auf den Zinnen herumturnte. Er bekam nach Kräften Unterstützung vom Rat der Stadt, hatte aber den "Hut auf". Ihm zur Seite stellte man erfahrene Handwerker, die aber in Sachen Denkmalspflege unsensibel waren.

Eines Tages wusste Günter Zenker nicht, ob er lachen oder weinen sollte: Maler Kussi H. verwirklichte seine ganz persönliche Kunstvorstellung an einer der vier geschnitzten Balkenkopf-Masken, die die vier Jahreszeiten symbolisieren. "Der hatte dem Winter rote Backen und rote Lippen angemalt", stöhnt Zenker. Ebenso, wie man heitere Holzfiguren im Kindergarten oder am Kettenkarussell verschönert. Um bei den Herren der Denkmalspflege Schnappatmung zu vermeiden, musste Kussi den jahrhundertealten Kopf ganz schnell wieder entfärben.

Heute wird das städtische "Prinzeßchen" vom Kunsthof Augustusgabe genutzt. Doch der hat nach den Hochwasserschäden von 2013 noch zu sehr mit deren Abstellung auf eigenen Gelände zu tun, als an neue Ausstellungen im barocken Mauertürmchen zu denken.