Ein kunstvolles Produkt der Natur kann man gegenwärtig in Gnadau bewundern. Dort wächst ein Baumpilz, wie er seines Gleichen sucht.

Gnadau l In der Gnadauer Bahnhofstraße gibt es etwas Hübsches zu bestaunen. Jedenfalls für Leute, die mit offenen Augen durchs Leben spazieren. Vor der Hausnummer 55, dem Block, wie die Gnadauer sagen, schält sich ein schöner Riesenpilz aus dem Gras. "So was habe ich hier noch nie gesehen", gab Brigitte Krüger der Volksstimme einen Tipp. Die 80-Jährige wohnt seit 1962 in dem schmucklosen "Block", an dem die Leute eher achtlos vorbei gehen. Doch jetzt ist das anders. "Viele bleiben stehen und wundern sich über den Pilz", sagt Frau Krüger, die mal im Gnadauer "Papier-Konsum" arbeitete und aus Schlesien stammt. Zu den Staunenden zählt auch Iris Heuer (46), deren zwölfjähriger Sohn Max vorsichtshalber fragte, ob er die Bratpfanne auf das Feuer stellen soll.

"Viele bleiben stehen und wundern sich über den Pilz."

Wobei der Knabe gar nicht so falsch liegt. Bei dem Pilz handelt es sich um einen Riesenporling, der, glaubt man der Fachliteratur, jung essbar ist. "Aber was ist jung?", möchte Brigitte Krüger wissen. Es gibt 70-jährige Zeitgenossen, die sich auch "jung fühlen".

Der schöne Porling sprießt bereits seit fünf Wochen. Die Druckprobe ergab, dass er aus dem Pfannenalter bereits heraus ist, weil er zunehmend zäh und ungenießbar wird. Was sein Glück ist, damit nicht jemand mit dem Messer kommt.

Der Riesenporling ist ein Baumpilz und markiert jene Stelle, wo einst eine Kastanie stand. Deren Holz ist "unterirdisch" immer noch da, obwohl seit Jahren der Rasenmäher ungehindert über die ebene Fläche surrt.

So weiß es das Pilzbuch: Vorkommen Juli bis November an Stümpfen oder am Grunde von Rosskastanien, seltener an anderen Laubbäumen wie Pappel, Linde, Ulme, Weide ...

Der Fruchtkörper ist aus zahlreichen fächerförmigen Hüten zusammengesetzt, die einem gemeinsamen, wurzelnden Strunk entspringen. Sie sind meist dachziegelig übereinander geschichtet und etwas gelappt.

Noch ein paar Wochen, dann wird der Riesenporling schwarz. Nicht weil er sich ärgert, sondern altersbedingt. Im Friseursalon Gutsche, bei ihm gegenüber, ist es umgekehrt: Da lassen sich die Menschen ihre zunehmende Altersfarblosigkeit auf Kopf weg färben.