Schönebeck l Draußen ist es herbstlich kühl und regnerisch. Im Beobachtungsturm der Nachtigallenoase ist Karlheinz Schuppe vom Naturschutzbund Schönebeck e.V. (Nabu) in seiner guten Laune jedoch kaum zu erschüttern. Sorgen macht sich die gute Seele des Lehrgartens nur um die Kleidung der Zehn bis Fünfzehnjährigen der Schule Lindenstraße, die soeben vor ihm Platz genommen haben. "Was habt ihr überhaupt für Schuhe an?", erkennt Schuppe sofort den Missstand. Am anschaulichsten lernen die Schüler immer noch im Garten der Oase, aber dort ist im Moment alles sehr nass.

Motto des Schulausfluges in das benachbarte Kleinod: "Wir begrüßen den Herbst!" Trotz des grauen Tages hat Schuppe sich für heute viel vorgenommen. Denn nicht der Herbst, sondern die darauf folgende Jahreszeit bürgt für viele der kleinen Bewohner des Gartens die größere Herausforderung. "Weiß jemand, welche Jahreszeit dem Herbst folgt?", fragt Schuppe in die Runde der aufmerksam lauschenden Kinder. "Der Winter", brüllen ihm seine Zuhörer unisono entgegen. "Und den ganz kleinen Bewohnern unseres Gartens wollen wir heute helfen, gut über den Winter zu kommen. Deshalb bauen wir ihnen Wohnungen", so Insektenfreund Schuppe.

Eigentlich soll heute ein Igelheim entstehen. Einige Kinder klatschen begeistert in die Hände. Das Problem: Der Geist ist willig, die Kleidung ist schwach. Schuppe und Lehrerin Daniela Rübenack führen die Schüler trotz widriger Umstände ins Herz der Oase, über den Lehrpfad und hin zu den Beeten.

Den Schülern zu vermitteln, dass viele der zunächst fremd wirkenden Kräuter sowohl essbar sind, als auch Krankheiten heilen können, ist eines der vielen Anliegen in der Oase. Auf die Frage Schuppes, welche der Kräuter denn bekannt seien, kommt die Rede natürlich sofort auf die beliebte Heil- und Gewürzpflanze, die Pfefferminze. Die Kostprobe fällt allerdings sehr scharf aus. Einige der Schüler verziehen ihre Gesichter. Zurück im Aussichtsturm, der an ein geräumiges Baumhaus erinnert, wird klar, dass Oase und Schule einfach gut zusammenpassen. Direktorin Saule Scholler betont: "Die Zusammenarbeit mit dem Nabu Schönebeck und die Ausflüge ins "grüne Klassenzimmer" sollen im nächsten Jahr weiter ausgedehnt werden. Vor allem körperlich und geistig eingeschränkte Kinder müssen nach draußen und haptische Erfahrungen machen. Sie müssen ihre Umwelt fühlen und riechen."

Zum Abschluss reicht Karlheinz Schuppe drei entfernt an Ingwer erinnernde Knollen in die mittlerweile etwas bibbernde Runde. "Das ist Topinambur, auch Diabetikerkartoffel genannt" verrät er der Klasse, "und die holen wir uns jetzt von nebenan."

Im Gänsemarsch geht es auf ein benachbartes Feld. Dessen Besitzer, ein gewisser Herbert, sei kein Freund von illegalen Beutezügen, so die geheimnisvolle Ankündigung Schuppes. Die mittlerweile in blaue Regenponchos gehüllten Kinder dürfen ihn trotzdem auf die Diebestour der besonderen Art begleiten. Das Topinambur wird an seinen Stengeln aus dem Boden gezogen. Wie angekündigt erscheint auch gleich ein gutmütig dreinblickender Herbert. Dessen Unmut über die kleinen Strauchdiebe ist natürlich einstudiert, die Einschüchterung funktioniert nicht. Das gesunde Maß an frischer Gartenluft ist indes erreicht, Schüler wie Lehrer sind durchnässt. Karlheinz Schuppe ist auch beim Abschied noch blendend gelaunt: "Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur die falsche Kleidung."