Erstmals hat die evangelische Kirchengemeinde zu einer Lesung in den frisch sanierten Patensaal der St. Stephani-Kirche eingeladen. Die Schriftsteller Renate Sattler und Holger Benkel begeisterten das überschaubare Publikum mit einer unerwarteten Mischung aus Lyrik, Prosa und Aphorismen.

Calbe l Schon der immer wieder zitierte Dichterfürst Goethe hat es in seinem Faust empfohlen, als er schrieb: "Denn auf Mischung kommt es an." Eine gute Mischung, da waren sich die 15 Gäste am Freitagabend einig, waren die beiden Protagonisten bei ihrer gemeinsamen Veranstaltung.

Auf der einen Seite laß Renate Sattler aus Magdeburg aus ihrer Prosa und Lyrik, darunter ein fiktives Zwiegespräch zwischen ihr und dem längst verstorbenen Komponisten Franz Liszt in Bayreuth. Die Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Sachsen-Anhalt nahm das Publikum mit auf eine Reise unter anderem zu Feldern im Huy oder kleinen Dörfern in der Colbitz-Letzlinger Heide. Wer bei Letzerem ungetrübte Provinz-Idylle erwartete, der wurde letztendlich mit der Wirklichkeit konfrontiert. Renate Sattler lenkte den Fokus auf Schnöggersburg, eine ehemalige Dorfstelle, bei der die Bundeswehr bis 2017 auf fünf Quadratkilometern eine riesige Übungsstadt für rund 100 Millionen Euro errichten lässt, mit U-Bahn, Elendsviertel, Hochhäusern, Supermärkten und Sportstadion. Die Übungsstadt soll die Soldaten im Häuserkampf schulen und auf realistische Einsatzszenarien vorbereiten. "Mir macht diese Stadt einfach nur Angst", meint Renate Sattler.

Gedanken, die Lyriker Holger Benkel aufnahm und sie mit den seinen ergänzte. Der Schönebecker nutzt dazu die literarische Form des Aphorismus - ein Gedanke verpackt in einem oder wenigen Sätzen. Mehr als 2000 dieser Aphorismen hat der Schriftsteller nach seinen Worten aufgeschrieben, über sie nachgedacht, sie immer wieder nach Themenfeldern sortiert und auch verworfen. In seinem Buch "Gedanken, die um Ecken biegen" hat er eine Auswahl versammelt. Dabei gibt es bei Benkel wegen der Gleichberechtigung der Wörter keine Groß- und Kleinschreibung.

Angesichts zahlreicher aktueller Krisenherde auf der Welt brachten seine Worte das Publikum zum Nachdenken. "was man besiegen muss, wird einem nie ganz gehören." "fundamentalismus entsteht, wo fundamente wanken, zerbrechen oder fehlen." "solange es verlierer gibt, wird es keinen frieden geben."

Eigentlich müsse man jeden einzelnen Satz wirken lassen, sich Zeit dafür nehmen, sagte Benkel. Dennoch: Der Applaus der Zuhörer war den beiden Schriftstellern gewiss. "Die Lesung hätte gut mehr Publikum vertragen", meinte Jutta Gampe. Auf Initiative der Calbenserin und mit Unterstützung der Stadt konnte die Orgelprojektgruppe der evangelischen Kirchgemeinde diese Lese-Premiere auf die Beine stellen. Bei Kerzenschein und Getränken wurde gern die gemütliche Atmosphäre im Patensaal für persönliche Gespräche zum Ausklang genutzt.