Calbe l Die ärztliche Versorgung auf dem Land prägt die gesundheitspolitische Debatte seit langem. Die zentrale Frage: Wie wird die haus- und fachärztliche Versorgung auf lange Sicht sichergestellt, wenn Menschen vor allem in Regionen wie dem Salzlandkreis in der Fläche immer weniger und älter werden? Zu dieser Frage hatte kürzlich Bundestagsabgeordneter Tino Sorge (CDU) zu einer offenen Gesprächsrunde eingeladen. Mehr als 20 Gäste kamen dazu ins Hotel "Zur Altstadt." Der 39-jährige Christdemokrat, seit 2013 Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestages, hatte Calbes neue Kinderärztin Dr. Konstanze Reinhard sowie Burkhard John, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt, für die abendliche Diskussionsrunde gewinnen können.

14 von 45 Ärzten in Region sind über 65 Jahre alt

John operierte dabei mit einigen aktuellen Zahlen, die schon heute Grund zur Sorge geben. Demnach praktizieren in Sachsen-Anhalt rund 1450 Hausärzte, bei denen sich allerdings der demografische Wandel ebenfalls bemerkbare mache. So habe ein Großteil der Allgemeinmediziner das 50. Lebensjahr überschritten. "Allein in den nächsten zehn Jahren haben wir in diesem Bereich einen Nachbesetzungsbedarf von 825 Ärzten", erklärte John. Schon allein deswegen würden beide Universitäten in Sachsen-Anhalt für die Medizinerausbildung benötigt. Bei 30 Facharztprüfungen im Jahr in Sachsen-Anhalt seien alternative Versorgungsansätze unumgehbar. Für den Bereich Schönebeck, Calbe, Barby zeichnete John folgendes Bild: "14 von insgesamt 45 Kollegen in dieser Region sind über 65 Jahre alt."

Ein Vorzeigebeispiel sei daher Konstanze Reinhard. Nach dem Studium in Göttingen und anschließender Facharztausbildung hat die 33-Jährige im Oktober die Kinderarztpraxis von Dr. Christa-Maria Ziegeler übernommen (Volkssstimme berichtete). "Ich bin wunderbar in Calbe aufgenommen worden", berichtete die Medizinerin. Der Liebe wegen habe sie den Weg in die Provinz gewählt aber auch, weil ihre Praxis als Nebenstätte des Ameos-Klinikums Schönebeck fungiert. Die anfänglichen Hürden von Abrechnungen, Investitionskosten und das wirtschaftliche Risiko seien dadurch deutlich niedriger. Reinhard machte keinen Hehl daraus, dass der Hausarztberuf unter jungen Kollegen wenig attraktiv sei. "Viele spezialisieren sich, um später einfach mehr zu verdienen." Ein Punkt, den Burkhard John, nicht unkommentiert stehen lassen wollte: "Es ist eine Mär, das Hausärzte kein Geld verdienen." Wirtschaftliche Schwankungen wie bei klassischen Wirtschaftsbetrieben gebe es nicht.

Finanzielle Anreize bringen oft kaum Wirkung

Vielmehr könnten fertig ausgebildete junge Fachkräfte heute auf einer riesigen Palette von verlockenden Angeboten wählen. "Junge Ärzte werden von allen Seiten angebaggert und gehen nicht selten nach Skandinavien", sagt John. Er forderte, nicht einzig an der Schraube der finanziellen Anreize zu drehen. So habe ein Stipendienprogramm, wonach es monatlich 800 Euro über sechs Jahre für diejenigen Studenten gibt, die sich nach ihrem Studium als Allgemeinmediziner für sechs Jahre in Sachsen-Anhalt niederlassen, kaum Wirkung gezeigt. Viel stärker müsse ein attraktives Bild des Hausarztes an Universitäten vermittelt werden, meint John. Zudem müssten künftig Patientenströme besser gesteuert werden. "Es gibt zu viele Patienten, die wegen Bagatellen gleich Fachärzte aufsuchen und damit unnötig Kapazitäten besetzen."

Für Calbe wies Georg Hamm darauf hin, dass die Saalestadt den demografischen Wandel als Chance begreifen sollte und mit ihrem Krankenhaus als Geriatrisches Zentrum des Salzlandkreises eine Vorreiterrolle einnnehmen könne.