Am Sonntag feierte Wilhelm Schlißke seinen 100. Geburtstag in Barby. Der Jubilar ist älteren Elbestädtern in Erinnerung, die in seiner Gärtnerei in der Bahnhofstraße einkauften.

Barby l Als Wilhelm Schlißke am 2. November 1914 in Berlin geboren wird, halten sich seine Eltern gerade in der Reichshauptstadt auf. Der Vater, der auch Wilhelm heißt, betreibt in Barby eine Bau- und Maschinenschlosserei in der Schulstraße. Er wird in den 1920er Jahren als Stadtrat auf der Vereinigten Mittelstandsliste kandidieren und sich in der freiwilligen Feuerwehr engagieren. In seinem Betrieb werden auch die ersten Autos repariert und Garagen vermietet.

Wilhelm Schlißkes Geburtsjahr steht politisch und gesellschaftlich im Zeichen einer überraschenden nationalen Einheit, die unter den Chiffren "Augusterlebnis" und "Geist von 1914" schnell eine wesentliche Grundlage für die deutsche Ideologisierung des Krieges bot. Nachdem die bildungsbürgerlichen Vordenker im "Kulturpessimismus" der Vorkriegszeit wie Paul de Lagarde, Julius Langbehn oder Stefan George innere Zerrissenheit und kulturellen Verfall des deutschen Volkes diagnostiziert hatten, sind nun viele Menschen überwältigt von der bei Kriegsbeginn entstandenen nationalen Geschlossenheit und dem nationalen Engagement großer Bevölkerungsteile. Das "Augusterlebnis" der nationalen Einheit schien einen neuen deutschen "Geist" hervorzubringen, in dem alle Probleme der Vorkriegszeit auf einmal "wie weggefegt" waren.

Doch der Katzenjammer sollte wenig später noch kommen.

Kein Platz für zwei Chefs

Der junge Wilhelm lernt im väterlichen Betrieb Schlosser. Doch als es darum geht, wer den Betrieb einmal übernehmen soll, macht Wilhelms Bruder das Rennen. Erst war Inflation, nun beutelt die Menschen die Weltwirtschaftskrise - für zwei Firmeninhaber ist kein Platz. Seine Eltern empfehlen dem jungen Mann, zum Gärtner umzuschulen. Das bietet sich an, denn in der Bahnhofstraße besitzt die Familie 10000 Quadratmeter Land.

Im Zweiten Weltkrieg kämpft Wilhelm in Russland und Frankreich, wird drei mal verwundet. Seine linke Hand zeigt bis heute das Handicap eines Durchschusses. Nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft kehrt der 33-Jährige 1947 heim. Ein Jahr später heiratet er seine Dora (1920-1996).

Der kleine Betrieb läuft gut, es werden Gemüse, Obst und Blumen angebaut. Während der Saison beschäftigen die Schlißkes Hilfskräfte, sonst arbeiten sie allein. Ein gutes Händchen beweist Wilhelm für die eigene Zucht von Alpenveilchen. In der DDR sind Blumen im Winter Mangelware.

Die Gärtnerei Schlißke besteht bis 1984. Zwei Jahre später bauen Tochter Christa (63) und ihr Mann ein Einfamilienhaus auf dem Grundstück. Bis 2006 wohnt Wilhelm dort, dann zieht er in das Awo-Senioren-Center im Stadtgraben.

Der Hundertjährige stellt keine besonderen Ansprüche an Kost und Logis. Er isst, was auf den Tisch kommt, guckt abends sein Fernsehprogramm. Wilhelm Schlißke ist von wachem Geist, nur mit der Stimme und dem Gehen hapert es ein bisschen.

Zu den Gratulanten zählten neben Familie und Heimbewohnern auch Bürgermeister Jens Strube und Ortsbürgermeister Ernst Neugebauer, die beide einst Kunden der Gärtnerei waren.