Die Reichspogromnacht 1938 zählt zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte. In ihr offenbarte sich ganz augenscheinlich der Plan, Juden und andere systematisch zu verfolgen. In Schönebeck gestalten Schüler die Gedenkfeier.

Schönebeck l "Dieser unbegreifliche Verlust des Lebens scheint uns stumm zu machen", sagt Schönebecks stellvertretende Oberbürgermeister Gisela Schröder am Montagnachmittag vor dem Holocaust-Mahnmal im Nicolaipark. Den Opfern der Reichspogromnacht, den verfolgten und ermordeten Juden und aller Toten der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus gedenken hier Schönebecker während einer Gedenkstunde. Zur Erinnerung an den 9. November 1938, der sogenannten Reichskristallnacht, haben Schulen, die Stadt, Kirchgemeinden und das Schniewind-Haus gemeinsam zu dieser Feierstunde eingeladen. Weil es Usus geworden ist, dass Schüler die "Gedenkfeier gegen das Vergessen" gestalten, wird sie an einem Schultag abgehalten.

Rednerin Gisela Schröder erinnert dabei daran, dass der 9. November den größten, bis heute je gekannten Menschen- und Massenmord zur Folge gehabt hat. "Dass dies vorsätzlich und millionenfach geschah, raubt jedem gesunden Menschenverstand die Sprache." Denn es seien millionenfach zerstörte Hoffnungen, Bindungen, Wünsche, glückliche Augenblicke ausgelöscht worden. Heute bedarf es deshalb großer Kraft und Energie, wieder an das Leben zu glauben, so Schröder. "Wir wählen das Leben", sagt die Vize-Stadtchefin. Im Gedenken an die ermordeteten Juden, an alle Opfer von Massenmorden des 20. Jahrhunderts, im Ehre erweisen, bekenne man sich zum Leben.

In Schönebeck sei das Erinnern in eine lebendige Tradition übergegangen, die vor allem von den Schulen getragen werde, sagt Schwester Petra vom Schniewind-Haus, einem der Veranstalter, im Volksstimme-Gespräch. "Es ist so schön, dass diese Offenheit seitens der Jugendlichen da ist." Zusammen mit den Lehrern würden die Schüler die einzelnen Stationen der Gedenkfeier mit Leben erfüllen: So berichtet Till Assmann von der Gorkischule vom Schicksal einer jüdischen Familie. Seine Mitschüler Anna Jakobs und Johanna Gäbler lesen die Namen der ermordeten Schönebecker Juden vor. Und mit Leonid Segal von der jüdischen Gemeinde beten Leo Gröning und Dustin Woesmann das Kaddish, das jüdische Totengebet. Dass die junge Generation das Gedenken aktiv pflege, sei "ganz wichtig", meint Lehrerin Konstanze Jobs von der Lerchenfeld-Sekundarschule. "Es geht um das bewusste Auseinandersetzen mit einem Stück Heimat. Etwas wie der Holocaust darf nie vergessen werden, sondern muss in allen Generationen weitergegeben werden. Das können nicht andere abnehmen, dafür muss jeder bei sich sorgen." Auch Johannes Golling vom Schniewind-Haus sieht bei aller Versöhnung die Notwendigkeit immer wieder zu mahnen, "gerade in einer Zeit, in der judenfeindliche Vorfälle laut Statistiken wieder zunehmen".

Wie jüdisches Leben in Schönebeck vor der Schoah ausgesehen hat, davon konnten sich Besucher des Schalom-Hauses, der ehemaligen Synagoge, im Anschluss an die Gedenkveranstaltung einen Eindruck vermitteln lassen. Das Haus war am 9. November 1938 beschädigt, entheiligt und angezündet worden. Steffi Krettek führte durch die Räume, zeigte erhaltene Ausstattungsstücke und erklärte ihre Bedeutung.

   

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