Das Sammeln von Ansichtskarten war besonders am Anfang des 20. Jahrhunderts in Mode. In Zeiten spärlicher Telefonverbindungen dienten Karten der Kommunikation, aber auch menschlicher Sammelleidenschaft. Was zuweilen kuriose Blüten trieb, wie nachfolgende Beispiele beschreiben.

Barby l "Die besten Wünsche zu Deinem Geburtstag sendet Deine Großmutter ..." schrieb die Barbyer Oma am 13.09.1902 an "Ferdinand Weber in Schönebeck, Kaiserstraße No. 24, Hinten auf dem Hof". So jedenfalls wurde eine Karte adressiert, die auf der Bildseite noch den dezenten Hinweis trägt: "Paul soll die Karte ins Album stecken".

Fenster zur Welt

Kurios an diesem Geburtstagsgruß ist, dass das Motiv der Ansichtskarte ausgerechnet den Barbyer Friedhof zeigt. Grabsteine, Eisenkreuze, die "Gottesackerkapelle" ... Nun darf man spekulieren, in welchem Verhältnis "Großmutter" und "Ferdinand" zueinander standen. Man kann aber davon ausgehen, dass es sich beim Adressaten um den Enkel handelte. Hätte der junge Mann an die Oma ein solches Motiv geschickt, wäre die Sache vermutlich noch peinlicher, weil eindeutig erbschleicherisch gewesen.

Warum "Paul" die Karte im Album aufbewahren sollte, lässt sich nur erahnen. Es wird sich um ein Sammelalbum gehandelt haben. Die Leute jener Jahrhundertwende frönten gern diesem Steckenpferd. Es war ein Fenster zur großen, weiten Welt, auch wenn die zuweilen nur bis Flensburg oder Buxtehude reichte.

Wenige Jahre später sollten die Alben immer internationaler werden: Väter, Söhne und Ehemänner schickten Feldpostgrüße von den Schlachtfeldern Europas.

Ein weiteres Beispiel ist nicht weniger "herzig". Ein Student des Königlichen Lehrerseminars wählte als Kartenmotiv für das "Bergfest" seines Jahrgangs ausgerechnet ein Katastrophenfoto. Es zeigt den Dachstuhlbrand des Barbyer Schlosses 1906, bei dem auch die Semiarfeuerwehr zum Einsatz kam. Im Schloss befand sich bis Mitte der 1920er Jahre eine Ausbildungsstätte für Lehrer. Zu besonderen Anlässen, wie eben Bergfesten, gestalteten die jungen Männer ihre Ansichtskarten mehr oder weniger künstlerisch selbst, die dann in kleiner Auflage gedruckt wurden.

Begehrte Vorlage

Ein fleißiger Motivgeber war der Barbyer Fotograf Heinrich Viek. Er lichtete nicht nur Straßen, Häuser und Landschaften ab, die dann in tausender Auflagen schwarzweiß oder koloriert gedruckt wurden. Viek schlüpfte in die Rolle des "Sensationsfotografen", wenn ein Flugzeug auf dem Acker notlanden musste oder eben das Schloss brannte. Auch seine Familie wurde mehrfach zum Motiv. Es hatte den Hauch von Exklusivität, wenn er Frau oder Schwägerin beim Spaziergang an der Nuthe oder Eislaufen auf dem Colphuser See knipste, die Fotos am selben Tag fertig waren und am nächsten im Briefkasten des Empfängers steckten.

Die Ansichtskarten-Sammelleidenschaft eines Barbyer Zeitgenossen machte sich vor Jahren sogar das Bauamt der Stadtverwaltung zunutze, als es um die Sanierung der Friedhofskapelle ging. Der Rentner hatte davon gehört, dass die Stadt auf der Suche nach Originalbildern war, die einen möglichst weit zurückliegenden Zustand des romanischen Kirchleins darstellten. Leider meldete er sich erst, als die Sanierung schon fast abgeschlossen war. Die Mitarbeiterin des Bauamtes konnte danach trotzdem konstatieren: "Wir haben nichts verkehrt gemacht."

Über den "Erfinder" der Postkarte streiten sich die Geister. In Deutschland schreibt man Weltpostverein-Begründer Heinrich von Stephan die Ehre zu; die Österreicher halten ihren Ministerialrat Emanuel Herrmann für den geistigen Vater.

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