Einmal im Monat lädt der Bundesverband mittelständische Wirtschaft in Sachsen-Anhalt Nord zu einem Unternehmerfrühstück ein. In lockerer Runde sollen Wirtschaftsvertreter miteinander in Kontakt kommen. Jetzt wurde im Schönebecker Christlichen Jugenddorf zu einem solchen Treffen eingeladen.

Schönebeck l Reichhaltig bestückt ist das Frühstücksbüfett im Konferenzraum des Christlichen Jugenddorfes (CJD) in Schönebeck. Eingeladen zu einem Unternehmerfrühstück hat der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW), selbstverständlich in Absprache mit dem CJD. Das betreibt in der Industriestraße eine moderne Werkstatt, speziell für Menschen mit seelischen und körperlichen Behinderungen. Was hier produziert oder repariert wird, kann sich sehen lassen. Nicht von ungefähr kommen Aufträge, wie etwa von der Bundeswehr, die kürzlich für ein Schiff eine Sauna bestellte. Eine Sonderanfertigung war nötig, für die sich die Tischler vom CJD entsprechend Zeit nahmen.

"Wir sind keine Konkurrenz zu den Betrieben. Wir besetzen Nischen", betont die kaufmännische Leiterin des CJD in Schönebeck, Gabriele Winkel. Sie verweist auf eine Kapazität von 250 Arbeitsplätzen, davon 80 Außenarbeitsplätze. Der Solepark etwa beauftragt das CJD mit Pflegearbeiten. Und genau darum geht es Gabriele Winkel maßgeblich: "Vielleicht gibt es ja weitere Möglichkeiten von Kooperationen", wendet sie sich an die Gäste des Unternehmerfrühstücks. "Das ist uns ganz wichtig." Immerhin bestehen bereits 25 Kooperationsvereinbarungen mit Unternehmen, für die kontinuierlich oder zeitlich begrenzt Leistungen erbracht werden. Ganz großes Ziel ist die Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt.

Beim Rundgang durch die hellen Werkstatträume erfahren die Gäste Einzelheiten, begutachten kreative Schöpfungen. Eine Näherei, eine Tischlerei, eine Korbflechterei, eine Gärtnerei finden sich auf dem Gelände. Beklebt, bedruckt und gefalzt werden auch Bewerbungsmappen. Wolfgang Kowalski beklebt Büchsen mit Etiketten für Schönebecker Sportmunition. "Ich bin der Kurti", begrüßt er die Gäste mit einem breiten Lächeln. Und ja, klar dürfe der Volksstimme-Mann auch ein Foto machen.

Schönebecks Wirtschaftsförderer Egbert Tramp ist nicht das erste Mal beim CJD im Gewerbegebiet Barbyer Straße. "Wir haben große Anstrengungen unternommen, um das CJD nach Schönebeck zu bringen. Da hängen auch Fördermittel dran", sagt er. "Ein bisschen stolz sind wir als Stadt, dass wir das hier realisieren konnten", führt Tramp weiter aus und ergänzt mit Betonung in der Stimme: "Aber das ist vor allem den Mitarbeitern zu verdanken."

Zu denen gehört Werkstattleiter Peter Götz. Er ist von Anfang an dabei, damals schon, als die Werkstätten noch auf dem Burghof-Gelände und später - ziemlich abgelegen - in der Hohendorfer Straße im heutigen Industriepark West angesiedelt waren. Er informiert darüber, dass einige der Teilnehmer (viele leben in unterschiedlichen Wohnformen in Schönebeck) allmorgendlich mit einem Fahrdienst gebracht werden, andere kommen selbständig. Vor dem CJD ist eine Bushaltestelle eingerichtet worden. Wer beim CJD arbeiten kann und darf, entscheiden die zuständigen Ämter. "Hier wird ein Selbstwertgefühl geschaffen durch Arbeit", lautet das Fazit von Peter Götz. Auch deshalb sei es wichtig, Kooperationspartner in der Wirtschaft zu finden.

"Was hier hergestellt wird, hat eine sehr hohe Qualität", lobt Schönebecks stellvertretende Oberbürgermeisterin Gisela Schröder. Sie sagt die Unterstützung der Stadt zu. "Es freut uns immer, wenn wir Wertschätzung bekommen", versichert Gabriele Winkel.

Peter Martini vom BVMW kann verstehen, wenn Betriebe aus der freien Wirtschaft die produktiven Ambitionen beim CJD mit Argusaugen beobachten. "Sicher gibt es Reibungspunkte, aber es gibt auch Verknüpfungspunkte. Und um die zu schaffen, sind wir da", sagt Martini. Er finde es hervorragend, dass in den Werkstätten sinnstiftende Tätigkeiten für Menschen mit Behinderungen geschaffen wurden. "Sie haben so das Gefühl, gebraucht zu werden", meint Martini. Er berichtet von einer kürzlichen Reise nach Estland. "Dort gibt es solche Strukturen nicht."

Der Chef der Arbeitsagentur Salzlandkreis, Thomas Holz, sagt zu, seine Berater im Bereich Arbeitgeberservice für das CJD zu sensibilisieren. Der Arbeitsmarkt müsse für Menschen mit Behinderungen besser erschlossen werden. Holz ist überzeugt: "Gebe es dieses System der Kooperation nicht, ginge es der Wirtschaft schlechter. Das muss man immer wieder anmerken."

   

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