Verzweiflung herrscht bei Familie Jovanovicz. Seit August lebt sie in Schönebeck. Nun wird sie in ihre Heimat Serbien abgeschoben. In Belgrad jedoch steht sie vor dem Aus, weil das Hochwasser ihr gesamtes Hab und Gut weggeschwemmt hat.

Schönebeck l Tränen kullern über die Wange. Zorka Jovanovicz entschuldigt sich. Es ist ihr unangenehm zu weinen. Doch sie kann die Tränen nicht zurückhalten. Die Notsituation, in der sie und ihre Familie sich derzeit befinden, ist einfach zu groß. Denn die vierköpfige Familie, die seit August in Schönebeck lebt, wird abgeschoben.

"Am Montag erfahre ich, bis wann wir Deutschland verlassen haben müssen", sagt die 43-Jährige. Sie ist tief betrübt. Nicht unbedingt deshalb, weil sie aus Deutschland ausreisen muss. Das akzeptiert sie. Hintergrund für die geplante Abschiebung ist, dass Serbien nicht als Kriegsland gilt.

"Unser Problem ist, dass wir in Serbien vor dem Nichts stehen", sagt sie. Das Haus, in dem die Familie früher gewohnt hat, ist zerstört. Es wurde von einer Hochwasserwelle, die 2013 Serbien betroffen hat, überflutet. "Das Wasser stand höher als das Haus war", versucht die Mutter von drei Kindern das Ausmaß zu beschreiben. "Das Wasser kam so schnell, dass wir nur mit unseren Sachen am Körper das Haus verlassen konnten", sagt sie. Persönliche Dokumente, jegliches Hab und Gut seien mit dem Haus weggeschwemmt worden.

"Wir wurden damals evakuiert in eine Turnhalle, in der rund 750 Menschen untergebracht waren", berichtet sie. Die Zustände waren katastrophal. "Aus Angst vor Läusen haben wir meiner Tochter die langen Haare abgeschnitten", erzählt sie weiter und wirft einen traurigen Blick zu der zehnjährigen Maja. Ihr Haar ist inzwischen wieder gewachsen, doch der seelische Schmerz sitzt tief.

Odyssee von München nach Schönebeck

Von der einen Halle sei die Familie in eine andere gebracht worden. Hier waren die Zustände, vor allem die hygienischen, nicht besser. "Dann sagte unsere große Tochter, die schon einige Jahre in München lebt, dass wir zu ihr kommen sollen", erinnert sich die Mutter. Also habe die vierköpfige Familie sich in ihr 20 Jahre altes Auto gesetzt.

"In München haben wir dann Asyl beantragt", sagt Zorka Jovanovicz. Und somit ging die Odyssee weiter. "Wir wurden deshalb nach Halberstadt geschickt und von dort an den Salzlandkreis verwiesen, und so leben wir nun seit August dieses Jahres in Schönebeck", sagt sie.

Vom Landkreis hat die Familie eine Wohnung gestellt bekommen. Die nötigste Ausstattung ist vorhanden. Die 43-Jährige spricht gut deutsch. "Das habe ich als Kind gelernt, als ich mit meinen Eltern schon einmal in Deutschland gelebt habe", berichtet sie. Doch auch die guten Sprachkenntnisse helfen der Mutter jetzt nicht. Denn als Asylbewerber darf man nicht arbeiten - zusätzliches Geld kann also nicht verdient werden.

"Wenn wir in Serbien ankommen, stehen wir schlichtweg vor dem Nichts", betont Zorka Jovanovicz. In das alte Haus kann die Familie nicht zurück - sie existiert nicht mehr. "Und wir haben keine Verwandten, bei denen wir vorübergehend unterkommen können", sagt sie, dass ihre Eltern sowie die Schwiegereltern bereits verstorben sind. Ohne ein Dach über dem Kopf und mit nur wenig Bargeld muss die vierköpfige Familie also ihren Neustart in Belgrad begehen.

"Auf dem Sperrmüll habe ich ein Zelt gefunden, das nehmen wir mit", sagt die Mutter und macht damit deutlich, wie verzweifelt sie ist. "Wenn wir doch erst einmal bei jemand unterkommen könnten oder etwas Geld hätten, um die Miete zu zahlen, bis wir selbst Gehalt verdienen", nennt sie ihre Hoffnung. Aushalten lassen von anderen will sie sich nicht. "Wir wollen arbeiten", stellt sie klar, dass sie keine Schmarotzer sind. "Doch dafür braucht man auch ein Zuhause", sagt sie. Kaum hat sie das ausgesprochen, schon trübt sich ihr Blick wieder. Die tiefe Traurigkeit kehrt zurück.

"Eigentlich kann ich gar nicht von Zuhause sprechen, denn wir haben ja keines mehr", sagt die 43-Jährige. Eine gewisse Hoffnungslosigkeit spricht aus ihren Augen. Nicht nur aus ihren. Der 18-jährige Sohn Rade und die zehnjährige Maja sind ebenso betrübt wie Vater Slobodan. Ihre Koffer haben die vier bereits gepackt. In der Wohnung stehen nur die Möbel. Von einem Wohn-Wohlgefühl kann hier nicht die Rede sein.

Sozialarbeiterin ist ein Lichtblick

Doch das macht der Familie weniger Sorgen. Es ist die Zukunft, die so ungewiss ist, dass alle vier nicht mehr wissen, wo oben und unten ist. "Ich habe momentan nur einen Hoffnungsschimmer", sagt Zorka Jovanovicz. Dabei blickt sie auf Jessica Froese, die ebenfalls bei dem Gespräch dabei ist. Die junge Frau ist als Sozialarbeiterin an der Dr.-Tolberg-Grundschule eingesetzt. Hier ging Maja ihrer Schulpflicht nach, die auch für Kinder aus Asylbewerberfamilien besteht. "Jessica ist mein Licht im Tunnel", sagt die Mutter. "Sie hat mir zugehört, ich hatte jemand zum Reden", sagt sie. Und: "Sie hat uns auch einige Kleidungsstücke besorgt." Das ist für die Familie insofern wichtig, als das sie mit Besorgnis an die kalte Jahreszeit denkt. Diese Kleidungsstücke sind verpackt in den Koffern. Ob sie diese überhaupt in ihrem Auto unterbekommen werden, das ist offen. Eines steht aber fest: Die Familie wird zu viert mit ihrem Auto rund 1800 Kilometer nach Serbien zurücklegen. In eine Zukunft, die derzeit komplett unklar ist.