Musik und Geschichten, die Zuhörer klingend und im Gespräch erleben, das will die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie. Jetzt gab es ein weiteres Anrechtskonzert und das "Philharmonische Phrüstück":

Schönebeck l "Sie haben etwas ganz Wertvolles hier, hinter mir, das kann Strauss, Klassik, Klezmer, das jazzt ... Ihr Orchester, sie haben noch eines, das ist heute etwas ganz besonderes", pries der Solo-Klarinettist des WDR-Funkhausorchesters und Solist des Abends Andy Miles am vergangenen Freitagabend während der zweiten Auflage der "Kleinen Konzertreihe" im Bad Salzlemener Dr.-Tolberg-Saal die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie. Klassik, Klezmer, Jazz oder gar alle drei Genres? Unter der Leitung von Chefdirigent Gerard Oskamp verwischten die Grenzen an diesem Abend.

"Sie haben etwas Wertvolles hier, ihr eigenes Orchester."

Oskamp und sein Ensemble luden gemeinsam mit dem Gastsolisten Miles zu einer Entdeckungsreise ein: "Klezmer meets Classic" hieß das Motto, unter dem Werke von Sergej Prokofjew, Maurice Ravel, Alan Cohen, Robert Starer, Martin Kratzsch, Jerry Bock und George Gershwin erklangen. Musik, die ihren Ursprung in der Hochzeitsmusik der aschkenasischen Juden Osteuropas hat und inzwischen zu einer eigenen beliebten Stilrichtung reifte.

Die typischen Melodienlinien ähneln der menschlichen Stimme. Andy Miles drückte ihr mit seinem Instrument einen ganz persönlichen Stempel auf. Seine Klarinette sang mal virtuos, mal geradlinig schlicht. Sie seufzte, schluchzte oder flüsterte mit hauchzartem pianissimo. Miles` elegant schmeichelnde Interpretationen wurden vom Schönebecker Orchester differenziert begleitet. Schön, wie die Kammerphilharmoniker Miles Stimmungen aufnahmen, die in der Zuhörerphantasie zum Tanzen ausgelassen und im nächsten Moment melancholisch daher kam. Einem Gentleman gleich setzte Andy Miles seine Stilmittel wohl dosiert ein, improvisierte mit Pfiff und bezaubert mit versierter Technik sein Publikum. Das tat seine Begeisterung mit überschwänglichen Ovationen kund.

Wer etwas mehr über diesen smarten Klarinettisten erfahren wollte, besuchte das inzwischen gut etablierte sonntägliche Plauderstündchen "Philharmonisches Phrühstück" mit Talkmaster Gerard Oskamp im Hotel am Kurpark. Hier outete sich Andy Miles als gebürtiger Bremer mit Künstlername, der musikalisch mit Rockmusik, Jazz und irischer Folkloremusik aufgewachsen ist.

Einen anderen Namen hat sich Landrat Markus Bauer im Laufe seiner Karriere nicht zugelegt, dafür verriet er im Gespräch mit Gerard Oskamp, dass er in seiner Jugend Trompete spielte und Kultur einen festen Platz in seinem Leben hat. Die drei Töchter machen Musik, seine Mutter ist Musiklehrerin und begeisterte ihn einst mit dem Lied von der Sonnenkäfermama...Mit einem Wir-sind-das-Volk-Plakat begann Markus Bauers politische Laufbahn. Der einstige Kachelofen-und Kaminbauer studierte Wirtschaftsrecht und wurde 2001 Bürgermeister von Nienburg.

"Auf das, was wir haben besinnen und es in die Welt transportieren."

Kammerphilharmonie-Urgestein und Violinist Vivian Anastasiu erhielt musikalische Früherziehung von seiner Großmutter, die ihm Geschichten vorgesungen hat, damit er überhaupt isst. Im Laufe des Gesprächs erhört der "Phrühstücker" die Unterschiede zwischen Mozart und Klezmer und erfährt, dass es zwischen dem rumänischen Nationaltanz "Hora" und Klezmer nur minimale Unterschiede gibt. Wieder einmal schienen die Genre-Grenzen schwer auszumachen. Stamm-Phrühstücks-Begleiter am Klavier Jerzy Bojanowski trug das Seine zum vormittäglichen Ohrenschmaus bei, einfühlsam, kompetent und souverän.

Das Publikum vom Freitagabend genoss das Temperament des traditionellen "Hava Nagila" und applaudierte euphorisch. Schön lebendig wirkten auch das Medley aus dem Musical "Anatevka" von Jerry Bock und die Hommage an George Gershwin. Nach zwei Zugaben verabschiedeten sich Solist und Orchester. Die "Phrühstücker" am Sonntag nahmen noch eine Lektion in Instrumentenkunde, sind nun fit in Sachen Klarinetten-Kunststoffblatt und kennen Herrn Anastasius Lieblingsinstrument wie sein Faible ohne Noten zu spielen. Landrat Bauer kehrte den Fan der Kammerphilharmonie nach außen und fasste zusammen, was ihm wichtig ist: "...besinnen wir uns auf das, was wir haben und transportieren wir es in die Welt..."