Pömmelte l "Ich habe erst davon erfahren, als ich heute Morgen aus dem Garten gekommen bin", zuckt Heinz Warnecke mit den Schultern. Der 93-Jährige hatte dort seine Herbstarbeiten erledigt, als ihm sein Sohn aufklärte: Weißt du, dass du und Mutter heute steinerne Hochzeit habt?!

Steinerne Hochzeit???

Heinz Warnecke, der rührige Heimatchronist, der noch heute ein Fotobuch nach dem anderen am Laptop gestaltet, weiß ja viel, aber damit konnte er nichts anfangen. "Ich kenne goldene-, diamantene- oder eiserne Hochzeit, wenn man 50, 60 oder 65 Jahre verheiratet ist", gesteht der ehemalige Lehrer, "aber steinerne?"

Thomas, der aufmerksame Sohn von Toni und Heinz Warnecke, die sich im Mai 1947 das Ja-Wort gaben, hatte es herraus bekommen: steinerne Hochzeit hat, wer es 67 ½ Jahre "miteinander aushielt". Die Philosophie: Steine - gebündelte Mineralien, haben einen langen Weg hinter sich gebracht, um sich in Struktur und Form zu präsentieren. Es gibt keine Abkürzung, genau diesen langen Weg mussten sie gehen, um zu sein was sie heute sind. Auch ein Ehepaar muss solch einen langen, oft schweren, mal leichten Weg gehen, um da anzukommen, wo es heute steht.

Vor 67 ½ Jahren hatte das Paar in Lübs (bei Gommern) standesamtlich geheiratet. Heinz Warneckes Vater Otto war dort zu diesem Zeitpunkt Lehrer und Standesbeamter. Wenig später traute Pfarrer August Bruchmüller das Paar in der Pömmelter St. Johanniskirche. Mit Rücksicht auf seine neuen Schwiegereltern verabredete Heinz mit dem Pfarrer, dass die Zeremonie im Stillen und nach dem Gottesdienst erfolgen sollte. Tonis Vater Richard Krabbes war Kommunist und hatte mit der Kirche nicht viel am Hut. Dennoch standen Tonis Onkel Helmut, der auch in der KPD war, und die heimatvertriebene Frau Kuhn als Trauzeugen bereit. "Ihr Lohn war eine Rübenmusstulle von unserer knappen Brotration", lächelt Heinz Warnecke.

Der kirchliche Segen fand dann aber doch nicht so ganz ohne öffentliches Aufsehen statt. Pfarrer Bruchmüller hatte seine Christenlehrekinder aktiviert, die die Zeremonie von der Empore aus beobachteten und im Anschluss die Kirchenpforte mit einem Band absperrten. "Ich war gar nicht darauf vorbereitet und hatte nur wenig Kleingeld in der Tasche", weiß Heinz Warnecke noch.

Schrot und Korn

Von welchem Schrot und Korn Jahrgänge wie Toni (88) und Heinz (93) sind, beweist folgende Episode. Weil ihn Arbeitspflicht und Liebe trieben, legte Heinz Warnecke den Weg von seinem Heimatort Schora (Anhalt-Zerbst) nach Pömmelte zu Fuß zurück. Strecken, die heute aus Gründen der Fitness von der Radwanderbewegung absolviert werden, waren nach dem Krieg per pedes Normalität.

Worüber damals kein Mensch ein Wort verlor.

Bemerkenswert ist aber, wie Heinz Warnecke über die Elbe kam. Zwischen Dornburg und "Schweineglück" durchschwamm er sie nämlich. Nach einer guten halben Stunde in Pömmelte angekommen, war er dann wieder warm und trocken. Dort wartete auf den gelernten Drogisten und Neulehrer die Schule. Den Krieg als Kradmelder gut überstanden, wollte sich Warnecke nun beim Aufbau der neuen Friedensordnung als Lehrer einbringen.

Das Schicksal wollte es, dass die "Große" der siebenköpfigen Familie Krabbes ihre Eltern bei schulischen Elternabenden vertrat, weil diese keine Zeit hatten. Heinz wird jedes Mal gehofft haben, dass nicht der alte Ziegeleichef kam, sondern seine hübsche Tochter, wenn es um Disziplin, Kartoffelkäferleseaktionen oder die Versorgung mit Schulmilch ging. Auch Toni hatte nichts dagegen, die Eltern zu vertreten. Fazit: Der Mai 1947 war gekommen, die Bäume hatten schon lange ausgeschlagen, Toni und Heinz gaben sich das Ja-Wort.

Toni Krabbes hatte in Flensburg Hebamme gelernt, arbeitete einige Zeit im Krankenhaus Barby, bis sie Gemeindeschwester in Pömmelte wurde. Dort war sie für die Ortsteile Zackmünde und Neue Siedlung sowie Glinde zuständig. Wie wir aus der beliebten TV-Serie "Schwester Agnes" gelernt haben, bewegte sich diese Zunft mit dem Moped fort, trug Schwesterntracht, hatte seelsorgerische Qualitäten und galt als Autorität. Das alles trifft auf Toni Warnecke zu, die allerdings keine "Schwalbe", sondern mit der Mopedmarke "SR 2" die Dorfhühner erschreckte. In Ermangelung eines Kickstarters musste man die 50-Kubik-Maschine mit den Pedalen antreten, als wolle man Fahrrad fahren.