Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hieß die nur wenige Meter lange Entengasse in Calbe noch Scheers Gasse oder Kleine Ritterstraße, je nach Bedarf. Über den heutigen Namen können nur Vermutungen angestellt werden, wie folgender Teil der Straßenserie berichtet.

Calbe l Eine Festlegung aus postalischen Gründen gab es damals noch nicht. Scheer, manchmal auch Schöre genannt, war der Name eines Bäckers, der an der oberen Ecke der Breite zu dieser Gasse sein Geschäft hatte. So war die zeitweilige Benennung dieser schmalen und kurzen Straße entstanden. 1790 hatte man sie "Schlotheimer Gasse" getauft. Wo kam diese Bezeichnung her? Einen Bürger Schlotheim gab es in dieser Gegend und zu dieser Zeit nachweislich nicht. Aber: Auf dem Territorium der oberen Ritterstraße und der mittleren Breite konnte man im Verlauf des 18. Jahrhunderts die ersten Tuchmanufakturen Calbes entdecken. Zwar stampften und ratterten da noch keine Dampfmaschinen wie 50 Jahre später, aber die Manufakturen brauchten verschiedene Öfen zum Kochen der Walk- und Färbe-Lösungen. Rauch und Dämpfe mussten abgeleitet werden.

Der Volksmund verspottete neureiche Kaufleute

Damit der Gestank des unter anderem urinhaltigen Dunstes die Anwohner nicht zu sehr belästigte, galt es, höhere gemauerte Schornsteine aus Backsteinen zu errichten, von denen einige in Calbe als letzte Überreste jener Zeit noch stehen. Solche hohen Rauchfänge nannte man Schlote. Die neureichen Kaufleute, die derlei Manufakturen, später die Fabriken betrieben, bezeichnete der spöttische Volksmund als "Schlotbarone". So ist wahrscheinlich auch der Begriff "Schlotheim" für die großen ungemütlichen Häuser mit den langen Schornsteinen entstanden. Doch wollen wir, bevor wir uns näher mit den Schlotheimen in dieser Gasse beschäftigen, noch einmal kurz auf deren erste namentlich bekannten Bewohner zu sprechen kommen.

In den 1620er bis 1640er Jahren besaß Johann Gebhard Goldstein das Haus an der Ecke, das später Bäckermeister Scheer gehörte. Der landesfürstliche Zollbeamte war ein Nachkomme des bedeutenden Wittenberger Juristen und Reformations-Anhängers Kilian Goldstein. Johann Gebhard war verwandt mit den Patriziern Lüdecke, die in der Breite das Doppelhaus Nr. 42/43 erbauen ließen. Ebenso hatte er verwandtschaftliche Beziehungen zu den Büngers. Christoph Bünger, der 1666 bis 1678 mehrmals Bürgermeister geworden war, erwarb das Haus um 1650. Bünger musste das große Unglück, das von diesem Anwesen ausging, nicht mehr miterleben. Er starb ein oder zwei Jahre zuvor.

Am 16. März 1683 brach durch Unachtsamkeit einer Magd beim Umgang mit Ofen-Asche im Haus der Witwe Bünger ein Brand aus, der sich in kurzer Zeit über die halbe Stadt ausbreitete. Vorübergehend in Calbe stationierte Soldaten hatten schließlich nach einiger Zeit Alarm geschlagen, weil der Turmwächter nicht auf seinem Posten war und ein Ersatzmann fehlte. Unglücklicherweise wehte ein starker Südwestwind. Bei diesem Brand wurden innerhalb der Stadt 84 Häuser mitsamt Scheunen und allem Zubehör und in der Schlossvorstadt 25 Häuser total vernichtet. Zwei Drittel des betroffenen Gebiets waren in Schutt und Asche gelegt.

Das Eckhaus stellte das einzige Brauhaus in der Entengasse dar, zumal man es ja zum Teil auch der wohlhabenden "Breite" zurechnen konnte. Ansonsten wohnten in den sonst noch vorhandenen fünf "Buden"-Häusern in der Kleinen Ritterstraße beziehungsweise Scheers Gasse fast nur Tuchmacher, die wohl Lohn- und Facharbeiter der sich herausbildenden Tuch-Manufakturen waren.

1736 hatte der aus Burg hierher gezogene Tuchmacher und Unternehmer Christoph Johann Nicolai, genannt Nickels, das Budenhaus in der heutigen Entengasse Nr. 6 gekauft und Schritt für Schritt zu einer Manufaktur ausgebaut, die sein Sohn George Johann Nicolai 1789 übernahm. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts übersiedelten die immer reicher gewordenen Nicolais unter Christoph Johann junior in die Breite Nr. 42, woran ein großes Fabriktor in der Portalruine erinnert. Eine Tochter dieses Nicolais heiratete den aus Springe in Niedersachsen zugezogenen Adolph Capelle, der eine neue Tuchfabrikanten-Dynastie in Calbe begründete.

Dessen Sohn Alexander Carl, später einfach Karl Capelle genannt, führte sein Unternehmen zu einer beachtlichen Blüte, die erst mit dem Zusammenbruch nach dem Ersten Weltkrieg endete. Das Fabrikgebäude war 1832 an der Ecke Breite Nr. 35 errichtet worden. Die Anlage expandierte immer weiter an der Nordseite der Entengasse in östlicher Richtung und war bald schon mit Dampfmaschinen ausgestattet. 1844 beschäftigte die Nicolai-Fabrik 131 Arbeiterinnen und Arbeiter, auch Kinder, das Capelle-Unternehmen 115 Proletarier. Die beiden verschwägerten Familien beherrschten in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Tuch-Industrie von Calbe. Das Bürgertum schaute sich viel vom Adel ab: "Dynastische" Heiraten boten damals eine gute Möglichkeit, das Kapital zusammenzuballen und zu vermehren. Die Capelles hatten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch noch mit der Kaufmannsfamilie Dingel familiär zusammengetan. Deren Fabriken dominierten von da an das Bild der Entengasse, in der die Schlote nun erst richtig rauchten. Warum die Scheers Gasse beziehungsweise Kleine Ritterstraße zuletzt Entengasse hieß, ist nicht schlüssig. Vielleicht hielten die Fabrikarbeiter, die hier Ende des 19. Jahrhunderts in den 7 Häusern mit jeweils 4 bis 5 Wohnungen lebten, Federvieh, um sich bei den kärglichen Löhnen wenigstens an Festtagen einen Braten leisten zu können.

Während der Wirtschaftskrisen der 1920er Jahre war auch das Imperium Capelle/Dingel in Calbe zusammengebrochen. Die großen, unfreundlichen Tuchfabrik-Gebäude standen leer oder wurden sporadisch und nur zum Teil für verschiedene Zwecke genutzt, so zum Beispiel als Wäscherei. Seit einigen Jahren verschwinden diese "Schlotheime", denen man nicht unbedingt nachtrauern muss.