Das Heimaträtsel vom vergangenen Dienstag zeigte den Barbyer Hobby-Musiker Josef "Joschi" Zahn zusammen mit Fred Decker und Albert Baumbach. Sehr viele Leser wussten das und kramten auch einige Episoden über das Barbyer Original aus ihrer Erinnerung.

Barby l Wenn er Musik machte und diverse Schnäpse für Wunschtitel ausgegeben bekam, trank er sie nicht, sondern füllte sie in eine leere Flasche. Darauf befand sich ein Trichter. Egal ob Boonekamp, Kräuter, Pfeffi, Klarer oder Weinbrand - alles landete in derselben Pulle.

An diese Marotte erinnerten sich fast alle Anrufer. Sie muss die Leute damals derart beeindruckt haben, dass sie sie nach über 60 Jahren noch immer zum Besten geben können. So auch Kristina Ritz (geb. Hempel). Ihr Vater Herbert Hempel spielte mit Joschi Zahn und Kurti Kegel in einer Kapelle.

"Wir sind gerne ins Hotel gegangen, weil es im Rautenkranz oft Schlägereien gab."

Joschi Zahn machte auch mit Albert Baumbach und Fred Decker Musik. Letzterer war Betreiber des Hotels Conrad. Deckers Gaststätte wurde im Barbyer Volksmund wenig schmeichelhaft "Tittenkeller" genannt. Ein eher abwertender Begriff, der aber ungeheuer werbewirksam war.

Bei ihm ging es weder gesitteter noch ungesitteter als anderswo zu, wie sich Zeitzeugen erinnern. "Wir sind gerne ins Hotel gegangen, weil es im größeren Rautenkranz oft Schlägereien gab", berichtet Christa Götze (geb. Kirchhoff) aus Groß Rosenburg. Die 74-Jährige hat noch das Lied "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" im Ohr, das Joschi sang, wenn er nicht gerade ins Saxofon blies. Dieser Spielfilm-Schlager oder Joschis Hymne "Hab mein Madel niedergelegt, auf ein Bündel Haferstroh. Vorn und Hinten tief und in der Mitte hoch, hoch, hoch ..." hätten stets für ein volles Haus gesorgt.

Armin Wellnitz teilt diese Erinnerungen. Wie der 70-Jährige berichtet, hatte ein Schelm Joschis fast volle Schnapsflasche gemaust, was den ziemlich auf die Palme brachte. Schließlich betrachtete er den Spenden-Cocktail als einen Teil seines Honorars.

"Joschi kündigte an: Meine Damen und Herren! Der nächste Tanz ist wieder mit Musik."

Ursula Halle (75) erzählt, dass man erst mit 16 den Saal betreten durfte. Wenn ein Tusch für das "schönste Pärchen des Abends" erklang, brachte das dem Musiker zumeist "Deputat" ein, das dann in der berühmten Flasche landete. Auf diese Weise wurde auch Linda Lehmann (72) und deren Tanzpartner eines abends geehrt, die in Nachbarschaft der Familie Zahn wohnte.

Margret Maynicke (70) erinnert sich noch an das selbst gemachte Eis des Wirtes Fred Decker, derweil es im gegenüber liegenden "Café Joch" immer "Ziegen-Eis" gab.

Dieter Schlueter besitzt noch Fotos, die Joschi Zahn als Saxofonist der Maizena-Kapelle zeigen. "Aber ganz so friedlich ging es bei den Tanzabenden dann doch nicht zu", weiß Schlueter. So erwehrte sich eine junge Dame den allzu forschen Annäherungsversuchen eines Herren mit einem Schlag ihres Schuhs auf dessen Kopf. "Das waren Pfennigabsätze. Ich glaube, der hatte ein Loch im Kopf", lacht Schlueter.

Hannelore Wolfram besuchte die Tanzabende eher aus praktischen Gründen. "Der Jugendtanz im Rautenkranz war um 21 Uhr vorbei, der Bus nach Pömmelte fuhr aber erst gegen 22.30 Uhr. Da mussten wir noch irgendwo hin", erklärt die 63-Jährige. Sie hat noch Joschi Zahns altbackenen Spruch im Ohr, wenn er eine neue Runde ankündigte: "Meine Damen und Herren! Der nächste Tanz ist wieder mit Musik." Hannelore Wolfram zählte auf Grund ihres Alters nicht zu Joschis Zielgruppe. "Das war schon ein Kulturschock, wenn im Kranz die Stones gespielt wurden und der sang Schlager aus den 50er Jahren", gesteht die ehemalige Pömmelterin.

"Mit Joschis Musik sind wir jahrelang eingeschlafen, wenn wir nicht gerade unten waren."

Eine exzellente Zeitzeugin ist Brigitte Ihlau, die im Oberstübchen des Hotels wohnte. "Mit Joschis Musik sind wir jahrelang eingeschlafen, wenn wir nicht gerade unten waren." Sie und ihre Freundinnen erlebten Joschis Kapelle großzügig. Ausgegebene Schnäpse, die die Musiker nicht trinken wollten, wurden an die jungen Damen weiter gereicht.

Die 76-Jährige musste dem Band-Chef oft die neuesten Schlager aus dem Radio vorsingen, damit er sie nachspielen konnte. "Dazu bin ich dann in seinen Uhrenladen gegangen", sagt die Barbyerin. Es sei schon ulkig gewesen, wenn zwischen tickenden Regulatoren und Geschmeide Schlager geträllert wurden. Laut Willi Köhler sei man damals auch schon mal über das Tor geklettert, wenn der Hotel-Saal voll war. Oft hätten die Jugendlichen bei Ete Joch gegenüber "vorgeglüht", wenn sie danach zum Tanz wollten.

Einige Episoden kann auch Jens Eichner (45) beitragen, die er von seiner Mutter hörte, die mit Deckers verwandt war. Beispielsweise, als ein sowjetischer Offizier unbedingt in den bereits abgeschlossenen Tanzschuppen wollte.

"Musiker Alfred Baumbach bellte hinter der Tür wie ein zorniger Wachhund, woraufhin sich der Russe trollte."

"Er ist über das eiserne Gitter geklettert, hinter dem die hölzerne Eingangstür war", erzählt Jens Eichner. "Musiker Alfred Baumbach bellte hinter der Tür wie ein zorniger Wachhund, woraufhin sich der Russe schnell trollte." Fred Decker habe um 1963 das Handtuch geworfen, sagt Eichner, weil Bürgermeisterin Maria Krause das Hotel "zur ersten HO-Gaststätte von Barby" machen wollte. Er ging nach Aschersleben, wo er die Ascania-Stube übernahm.

Ete Joch sei wegen Missachtung der Polizeistunde die Lizenz entzogen worden, woraufhin er um 1960 in den Westen ging.

Josef Zahn, der aus dem Sudetenland stammte, hatte ausgerechnet seinen letzten großen Auftritt 1983 auf dem Barbyer Friedhof. Er spielte zur Beerdigung seines Musikerfreundes Fred Decker auf dem Saxofon die Melodie ihres gemeinsamen Hits aus alten Tagen: "Hab mein Madel niedergelegt, auf ein Bündel Haferstroh ..."

(Gewinner des Heimaträtsels ist Armin Wellnitz, der sich ab Montag ein kleines Geschenk in der Redaktion Schönebeck, Hellgestraße 71, ab 9 Uhr abholen kann.)

 

Bilder