Eine Badergasse gibt es in fast jeder mittelalterlich geprägten Stadt wie Calbe. Diese Tatsache weist schon auf die Bedeutung dieser Berufsgruppe hin, die in solchen Vierteln lebte und dort ihre vielfältigen Tätigkeiten ausübte. Im Spätmittelalter haftete den Badereien vielerorts der Ruf als Brutstätten der Unmoral an.

Calbe l In Calbe bezeichnete man die Gasse als "Pulle", was auf einen mittelniederdeutschen Ursprung hinweisen könnte. Der "Pul", "Pule" oder "Pulle" bedeutete einen Pfuhl (englisch "Pool"), also einen kleinen Tümpel mit stehendem Wasser. Im Pule baden hieß unter anderem "in einer Badetonne baden". Eine Namens-Deutung in dieser Richtung ist eine sich aufdrängende Vermutung; aber leider gibt es dazu nur analoge Beispiele aus verschiedenen anderen Städten und keine Indizien für Calbe. Wenn es so wäre, ginge der Begriff "Pulle" auf einen jahrhundertealten Ursprung zurück.

Calbenser Badereien am Alten und Neuen Markt

Die Stadt unterhielt zwei Badestuben, eine am Alten und eine am Neuen Markt. Beide gehörten zur Sozial-Stiftung des Heiligen Geistes, deren schlichtes Gotteshaus die so genannte Hospitalkirche, heute die "Neuapostolische Kirche", war. Von der Altmarkt-Baderei stammt also der heute noch erhaltene Name "Badergasse".

Zweckmäßigerweise war das Badehaus so nahe wie möglich an das kleine Wassertor zum Mühlgraben am Ende der kurzen Gasse herangerückt worden, um den Badeknechten das Eimerschleppen nicht allzu schwer zu machen. Schließlich gab es noch keine Wasserleitungen. Die "Baderey" stand laut städtischen Steuerakten an der Stelle der heutigen Badergasse Nr. 3.

Bader waren nicht nur die Hygiene-Fachleute des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, sondern auch die "Hausärzte" der "kleinen Leute". Sie schnitten als Barbiere die Haare und Bärte, zogen schmerzende Zähne, ließen als Mittel gegen Bluthochdruck und alle möglichen Krankheiten "zur Ader", das heißt, sie ließen Blut in ein Gefäß ablaufen, sie renkten Gliedmaßen wieder ein, amputierten sogar - und das ohne nennenswerte Narkosemittel, stachen mit einer Nadel den Grauen Augen-Star, versorgten Unfallwunden und vieles andere mehr. Sie waren aber hauptsächlich in der Gesundheitsvorsorge tätig, und zwar als frühe Bademeister und Kosmetiker.

Ihre Badestuben hatten regen Zulauf. Hierher kamen junge Männer und Frauen, die sich ab und zu nackt belustigen wollten, Heiratswillige auf Brautschau, aber auch ganze Familien. Badegäste waren nicht nur einfache Leute, sondern ebenso die Beamten des Schlosses, Standesvertreter der Landtage und gerade anwesende Fürsten mit ihrem Gefolge. Besonders ihr Erfahrungs-Wissen als Handwerker-Chirurgen, durch das sie weitaus mehr Erfolge als die (meist wirkungslose) Pillen verschreibenden akademischen Ärzte zu verzeichnen hatten, brachte den Badern in den Städten zunächst eine geachtete Stellung ein. Wohl aus Konkurrenzneid wurde das Baderwesen zunehmend diskreditiert. Im Spätmittelalter und wahrscheinlich unter dem Eindruck der Pest- und Syphilis-Auswirkungen wurde das Baden in Badehäusern verboten. Der Vorwand, an dem die Bader nicht ganz unschuldig waren, fand sich unter dem Deckmantel kirchlicher Dogmen leicht: Badestuben seien Brutstätten der Unmoral und Unzucht. Tatsächlich hatten einige geschäftstüchtige Bademeister Prostituierte angestellt, die gut zahlenden Männern den Badeaufenthalt angenehm machten. Nun galten die Bader zusammen mit den Schindern, Henkern, Totengräbern, Schäfern, Spielleuten, Hausierern und anderen als unehrenhaft, im damaligen Sprachgebrauch als "unehrlich". Ob es in Calbe in den beiden Badehäusern einen angeschlossenen Bordellbetrieb gab, ist nicht überliefert, aber eher unwahrscheinlich, da es sich um Stiftungen mit kirchlichem Hintergrund handelte.

Uraltes Badereiwesen brachte neue Berufe hervor

Die Badestuben verschwanden seit dem Spätmittelalter, und Waschen und Reinlichkeit galten einige Jahrhunderte lang als gefährliche Unsitten. Körpergeruch und Schmutzigkeit kaschierte man mit Puder und Duftwässern. Die andere Seite des Bader-Könnens aber lebte weiter. Friseure übten - besonders nach dem Zuzug der französischen Einwanderer - ihren neuen Beruf aus, und Wundärzte (Chirurgen) wurden in der Zeit der Aufklärung nach der Aufhebung des kirchlichen Verbots der Leichensektion besser ausgebildet. Das uralte Badereiwesen hatte neue Berufe hervorgebracht.

In den fünf Häusern der Badergasse lebten außerdem Gerber und Kürschner. Ende des 17. Jahrhunderts wurde zwar das Haus der "Baderey" noch in den Akten erwähnt, aber einen Badebetrieb alten Stils hat es da wahrscheinlich nicht mehr gegeben. Später wohnten in den fünf Häusern der Gasse einfache Arbeiter und Handwerker.