In Breitenhagen steht ein Haus, das nach seiner Erbauung für einiges Aufsehen sorgte. Dank der Dachform wird es im Volksmund "Zeppelin" genannt. Der Vergleich ist treffend: Die Dachkonstruktion erinnert an ein aufgeblähtes Luftschiff.

Breitenhagen l Es handelt sich um die in Fachkreisen bekannte Zollbauweise, als deren Erfinder Fritz Zollinger gilt. Letzterer wurde 1918 zum Stadtbaurat von Merseburg berufen. Großer Wohnungsnotstand nach dem Ersten Weltkrieg ließ ihn zu einem Verfahren greifen, das er erstmals 1904 erprobte.

Zollingers Tonnen- oder Lamellendach besteht aus vielen einzelnen Hölzern. Die Materialeinsparung in dem mangelgeschüttelten Deutschland der Nachkriegsjahre war ein wesentliches Argument, sich über die Verwendung neuer Baustoffe und Konstruktionen Gedanken zu machen.

Beim Breitenhagener "Zeppelin" wurde nur die Hälfte der sonst benötigten Holzmenge verbraucht und etwa 60 Prozent Arbeitszeit eingespart. DerHolzverbrauch lag bei fünf Kubikmetern. In einem vergleichbaren Satteldach wurden 9,5 Kubikmeter verbaut. Der Vorteil dieser innovativen Technik war, dass keine langen und starken Balken benötigt wurden. Was in Mangelzeiten einen großen Vorteil darstellte.

Erinnern wir uns an das letzte DDR-Jahrzehnt, wo würfelförmige Häuser ohne Dachstuhl gebaut wurden. Am Barbyer Birkenweg stehen beispielsweise genug Denkmale der jüngeren Holzmangelzeit.

Auch in den 1920er Jahren war der Selbstbau ein Thema. So konnte ein Zollinger-Dach mit einer Grundfläche von 70 Quadratmeter von einer drei- bis vierköpfigen Truppe an einem Tag aufgebaut werden. Das einheitliche, vormontierte Typendach gestattete das. Ebenfalls von Vorteil war, dass die Dachböden keine lotrechten Stützbalken hatten, was einen großen Raumgewinn darstellte.

Ausgangspunkt für Zollingers Überlegungen war der seit 1561 bekannte bogenförmige Bohlenbinder, der wegen der Verwendung von kurzen Bohlen- und Brettstücken gegenüber Balkenkonstruktionen zu einer wesentlichen Verbilligung der Konstruktion führte. Damit ließen sich gleichzeitig größere Spannweiten erzielen.

Weiterhin erfand Zollinger eine Bauweise, die den heutigen Fertigteilhäusern zur Ehre gereicht. Sogenannte Gusshäuser wurden in den 1920er Jahren gebaut, deren Wände eingeschalt und mit Beton ausgegossen wurde. Als Grundstoffe verwendete man Kies, Asche, Schlacke und Zement. Die Wände erreichten die Wärmehaltung bisher üblicher Backsteinbauten.

Bei diesem Verfahren wurden nur wenige Facharbeiter benötigt, der Rest wurde von ungelernten Arbeitskräften erledigt. Die Gussformen bestanden aus fabrikmäßig hergestellten Elementen, die nach Bedarf auch stockweise zusammengestellt wurden. Man stellte sie ohne Nägel und Schrauben innerhalb von Stunden auf und konnte sie bis zu 35 Mal verwenden.

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