Das Gnadauer Bahnhofsgebäude wird in diesen Tagen abgerissen. Die Arbeiten begannen am Mittwoch und sollen etwa eine Woche dauern. Das Fachwerk-Empfangsgebäude wird von einem Spezialbagger zerlegt.

Gnadau l Nur gut, wenn Leute mit historischem Gespür an einem Abriss (oder Rückbau, wie man neudeutsch sagt) beteiligt sind. Ein Kollege der Bahn-Bauaufsicht rettete das große Emaille-Bahnhofsschild, das unter Sammel-Brüdern schon mal über 100 Euro wert sein kann. Der Mann - er möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen - ist zufälligerweise Mitglied im Kirchbauverein Bad Salzelmen, der am 24. Januar wieder Kunst und Krempel versteigert. "Da hätte es zwar gut hingepasst, aber ich glaube, es sollte in Gnadau bleiben", so der Dauertelefonierer in Warnweste.

Und weil gerade der ehemalige Stadtrat Carsten Fritsche das Treiben des Baggers verfolgte, bekam er dieses Schild. "Das werden wir wahrscheinlich in der 11 aufhängen", so Frische. Damit ist das Gemeindehaus auf dem Zinzendorfplatz gemeint.

Dennoch kommt am 24. Januar eine Original-Gnadauer-Bahnantiquität im Schönebecker Hotel Domicil unter den Hammer. Es ist eine sogenannte Nebenuhr, die von einer Mutteruhr ihren Impuls bekam. Das 12-Volt-Chronometer verkündete Jahrzehntelang die Zeit im Inneren des Empfangsgebäudes.

Doch das nur nebenbei.

Als Mittwochnachmittag der Bagger sich in das alte Fachwerkgebäude fraß, hatte sich einiges schaulustiges Volk in Sichtweite versammelt. Denn mit dem Gnadauer Bahnhof verbinden sich Erinnerungen. Nach Ende des 2. Weltkrieges waren Fahrleitung und zweites Gleis als Reparation an die Sowjetunion abgebaut.

Kohlenklau durch die Bevölkerung war an der Tagesordnung. Weil sich hier ein drittes Gleis befand, pausierten die langsamen Güterzüge oft in Gnadau, um schnellere Personenzüge vorbei zu lassen. Eine gute Gelegenheit für die frierenden Menschen, um Briketts aus dem Bitterfelder Raum "umzuleiten".

Käthe Maaßberg - sie wohnt in Sichtweite des Bahnhofs - hat noch eine alte Ansichtskarte, die die Bahnhofswirtschaft ihrer Schwiegereltern Else und Friedrich Maaßberg zeigt. Else zapfte nicht nur Bier, sondern betreute das Wiegehäuschen am Bahnhof, wo unter anderem die Zuckerrübenfuhren gewogen wurden. Ab 1962 betrieben Irmgard und Gerhard Schulze das Wirtshaus, das der Volksmund "Fromme Kneipe" nannte. Der Grund: Sein Chef war Mitglied im Gemeindekirchenrat. Kirchliche Seminar-Teilnehmer kamen oft zum Kaffeetrinken in die Bahnhofswirtschaft, die Mitte der 1980er Jahre geschlossen wurde.

Bahnsteigserneuerung 2017

Die Deutsche Bahn plant den Neubau des "Bahnsteig 2". Die Entwurfsplanung sieht vor, dass der Außenbahnsteig mit einer Länge von 155 Meter und einer Breite von mindestens 2,75 Meter erneuert und mit einem Blindenleitsystem ausgestattet werden soll. Die Erneuerung des Außenbahnsteiges ist bis 2017 vorgesehen und soll rund 350000 Euro kosten.

Das vorhandene Wetterschutzhaus wird weitergenutzt und entsprechend der neuen Bahnsteighöhe umgesetzt. Auch das vorhandene Wegeleit- und Informationssystem soll ergänzt werden.

Doch die Sache hat aus Sicht der Barbyer und Gnadauer einen Haken: "In meiner Stellungnahme an das Landesverwaltungsamt, die ich unter Hinzuziehung des Ortschaftsrates Gnadau vorgenommen habe, machte ich noch einmal deutlich, dass sich der Eisenbahnhaltepunkt bereits seit 1839 an der Bahnlinie Magdeburg-Halle befindet, welche zu einen der ersten Fernstrecken Deutschlands zählt", sagte Bürgermeister Jens Strube im Herbst vergangenen Jahres. "Das wäre ein erheblicher Eingriff in die historisch gewachsene Bahnhofsstruktur. Der Bahnhof ist ortsbildprägend und erhaltenswert", unterstrich Strube.

Die von der Deutschen Bahn AG vorgetragenen Gründe würden keinesfalls den Abbruch des Baudenkmales rechtfertigen, fügte er hinzu.

"Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch daran, dass der Abbruch und eine Neugestaltung des Haltepunktes keinesfalls der geplanten Aufnahme von Gnadau in das Unesco-Weltkulturerbe entgegenstehen dürfen", mahnte der Bürgermeister.

Der 12,4 Kilometer lange Bahnstreckenabschnitt von Schönebeck bis zur Saalebrücke bei Calbe wurde am 9. September 1839 eingeweiht und gilt als eine der ältesten Trassen Deutschlands. Das Bahnhofsgebäude ist allerdings jüngeren Datums, wie der Eisenbahnhistoriker Jürgen Krebs weiß.

   

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