Der Barbyer SPD-Neujahrsempfang stand in diesem Jahr unter der Überschrift "Demografische Entwicklung". Einer der Gastredner war Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD), der die Bildungspolitik des Landes auf dem richtigen Weg sieht.

Barby l "Es sind weltweit mehr Menschen auf der Flucht als am Ende des Zweiten Weltkriegs", sagte Kultusminister Stephan Dorgerloh. Deutschland sei mit seiner wirtschaftlichen Kraft und politischen Verantwortung in der Pflicht, weltweit zu helfen.

"Wir erkennen einen Trend, dass sich der Bevölkerungsrückgang langsamer vollzieht, als in Prognosen vor ein paar Jahren voraus gesagt."

Mit Blick auf die demografische Entwicklung sagte der Minister: "Wir werden unseren Wohlstand in der Bundesrepublik ohne gezielte Zuwanderung mit vernünftiger Integration nicht halten." Schon jetzt sei es so, dass Fachkräfte in vielen Bereich fehlten. Er zitierte aus einem Gespräch mit dem ehemaligen Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger. Der hatte voraus gesagt, dass der deutschen Wirtschaft bis 2025 in Größenordnungen Ingenieure fehlen werden. Dieses Defizit ließe sich mit einheimischen Kräften nicht kompensieren. Im Osten Deutschlands würde es ausreichend Wohnraum, aber nicht genug Arbeit geben, räumte der Minster ein.

Diskutieren müsse man zudem die Verunsicherung der Bevölkerung, was Dorgerloh am Beispiel von Bautzen fest machte: "Bautzen hat einen Ausländeranteil von etwa 1,2 Prozent. Trotzdem formiert sich dort Widerstand in der Bevölkerung gegen Ausländer."

Der Politiker regte dazu an, eigene Sichtweisen zu hinterfragen: "Wir sollten uns kritisch fragen, ob manche Bilder durch Daten und Fakten gedeckt oder diffuse Gefühle sind."

"Wir erkennen einen Trend, dass sich der Bevölkerungsrückgang langsamer vollzieht, als in Prognosen vor ein paar Jahren voraus gesagt", sagte der Kultusminister. Was sich auch positiv auf die Schulentwicklung auswirke. "Beim Thema Grundschulen haben wir die Notwendigkeit erkannt, die Versäumnisse der letzten 10 bis 15 Jahre anzupacken", räumte der Minister ein. Sein Ziel sei es immer gewesen, die Mindestschülerzahl 60 im ländlichen Raum vorzuhalten. Die Zahl 80 sei eine Kompromisslösung gewesen, von der man in der SPD zwar nicht überzeugt war, sie aber mitgetragen habe. Davon würden auch Grundschulen wie Sachsendorf profitieren, die "langfristig gesichert" seien. ("Langfristig" heißt bis 2018/19). "Wir haben vorgeschlagen, die Schulentwicklungsplanung bis 2025 festzuschreiben - da wollte man im Kabinett allerdings nicht mitgehen."

Den weiteren Ausbau der Ganztagsschule bezeichnete der Kultusminister als "schöne Entwicklung". Dafür sei im Haushalt "zusätzliches Geld verabredet". Damit würden die Schüler "individueller und besser gefördert". Das wäre besonders bei Kindern der Fall, deren Eltern sich wenig um Bildung kümmerten. "Kinder, die mit Defiziten zur Schule kommen, müssen mit Hilfe von Partnern zusätzliche Bildungsangebote bekommen", unterstrich Stephan Dorgerloh. Das beträfe Feuerwehr, Sport, Musik oder Sozialarbeit. "Dafür ist Geld vorhanden. Wir müssen das jetzt mit Lehrern und Schulleitungen umsetzen." Es könne nicht sein, dass besonders im ländlichen Raum nach dem Unterricht nichts außerschulisches mehr passiert.

Als Erfolg wertete der Minister die rückläufigen Zahlen bei den Schulabbrechern. 2011 betrug deren Zahl 12,8 Prozent. Solche Zahlen könne sich keine Volkswirtschaft leisten, abgesehen vom Umgang mit Ressourcen, Talenten und Biografien. Laut Dorgerloh würden die ersten Programme langsam greifen: die Abbrecherquote liege jetzt bei 9,8 Prozent. In Schulen mit Sozialarbeit betrage der Durchschnitt sogar sechs Prozent. (Der europäische Durchschnitt beträgt etwa vier Prozent.) Deswegen solle in der kommenden Jugend-Förderperiode die Schulsozialarbeit weiter ausgebaut werden. Als "schönen Nebeneffekt" bezeichnete der Minister die Zahl der Sitzenbleiber, die sich "bei Beibehaltung der Leistungsstandards" in einigen Schulformen halbiert habe.