Das alte Gnadauer Bahnhofsgebäude gibt es nicht mehr. In den vergangenen Tagen wurde es im Auftrag der Deutschen Bahn abgerissen. Doch wann wurde der Fachwerkbau eigentlich errichtet?

Gnadau l Vergleicht man das Gnadauer Empfangsgebäude mit anderen Bauten der Strecke, könnte man zu folgendem Schluss kommen: Gnadau ist älter als die anderen Bahnhofsbauten. Während Schönebeck, Calbe (Ost), Sachsendorf oder Köthen vollkommen aus Stein gemauert sind, war der Gnadauer Bahnhof ein Fachwerkbau. Und weil Fachwerk ein hohes Alter assoziiert, könnte man meinen, dass das Empfangsgebäude schon Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet wurde, als man die Strecke in Betrieb nahm.

Doch diese Schlussfolgerung ist falsch.

Wie alt ist der Gnadauer Bahnhof also?

"Die älteste Abbildung des Bahnhofes befindet sich auf einer Mehrbild-Ansichtskarte von 1899", schreibt der ehemalige Gnadauer Stefan Paasche auf Facebook.

Bei Abrissarbeiten wurde jetzt ein Türsturz entdeckt, der Hinweise auf die Erbauung geben könnte. Es handelt sich um eine Bahnschiene. Als Walzzeichen findet man "1896 * BV C o V 1891" darauf. Gefunden hatte ihn der aufmerksame Bauüberwacher Alexander Hummel, der ihn dem Gnadauer Schlossermeister Walter Dreyer gab. Weil die zwei Meter lange Schiene der Stahlsorte ST 54 (Zugfestigkeit) mit etwa 80 Kilogramm relativ schwer ist, soll Dreyer das Stück mit dem Walzzeichen heraus sägen. "Das sollte dann in Gnadau zur Erinnerung aufbewahrt werden", rät der geschichtlich interessierte Alexander Hummel.

1839 Strecke eingeweiht

Gnadau liegt an einer der ersten deutschen Fernbahnlinien. 1839 wurde das erste Teilstück der Magdeburg-Leipziger Eisenbahn von Magdeburg nach Schönebeck eröffnet, nach dem Ausbau bis Halle und Leipzig 1840 war sie die erste länderübergreifende Fernbahn mit einer Streckenlänge von 116 Kilometern. Der Abschnitt Magdeburg-Schönebeck-Calbe wurde bereits am 9. September 1839 fertiggestellt.

Der Baubeginn erfolgte am 24. Januar 1838. Erstmals in der deutschen Eisenbahnge- schichte berührte die Trasse mehrere Länder: Neben den Königreichen Preußen (Magdeburg, Halle) und Sachsen (Leipzig) durchquerte sie auch das Herzogtum Anhalt-Köthen.

Am 29. Juni 1839 wurde der 15 Kilometer lange Abschnitt Magdeburg-Schönebeck (14,9 km), drei Monate später dann die Trasse bis zur Saalebrücke bei Calbe (12,4 km) ein- geweiht. Am 18. August 1840 wurde schließlich die Gesamt- strecke von Magdeburg nach Leipzig eröffnet.

Kaufleute dagegen

Die Initiative für eine Eisenbahnverbindung zwischen Halle und Leipzig ging von der Stadt Halle aus. Der hallesche Kaufmann und Stadtrat Matthäus Ludwig Wucherer sprach sich bereits im Jahr 1829 in einer Denkschrift für eine über Halle führende Eisenbahnverbindung zwischen Leipzig und Magdeburg aus. Vom Leipziger Kaufmann und Stadthauptmann J. L. Hartz wurde die Idee begrüßt und auf einem ersten Treffen im Oktober 1829 in Leipzig weiter konkretisiert. Der Leipziger Unternehmer und Bankier Gustav Harkort leitete die Vorbereitungen für das Projekt.

Ein Brief der Magdeburger Kaufmannschaft von 1829, die eine Eisenbahn nach Leipzig scharf ablehnte, stoppte jedoch die Bemühungen vorläufig. Hintergrund dafür war, dass Magdeburg beim Handel mit Kaffee, Rohrzucker und Spirituosen aufgrund des Elbhafens und damit der guten Anbindung an den Überseehafen Hamburg gegenüber Leipzig im Vorteil war; dieser Vorzug wäre bei einer Eisenbahnverbindung nach Leipzig entfallen.

Erst nachdem offenbar wurde, dass sich die Entwicklung des Eisenbahnwesens nicht aufhalten ließ, beantragte die Magdeburger Kaufmannsschaft 1835 die Gründung einer Eisenbahn-Aktiengesellschaft.

In jener Zeit wurden auch die ersten Bahnhofsgebäude errichtet, die allerdings Ende des 19. Jahrhundert durch Neubauten ersetzt wurden. Sie bestanden aus Stein, Fachwerk - wie in Gnadau - war die Ausnahme. Der Calbenser Historiker Dieter Steinmetz dazu: "Die alten Fachwerk-Bahnhofsgebäude in Grizehne, an der historischen Bahnstrecke gelegen, wurden 1894 abgerissen und durch einen heute noch existierenden Backsteinbau ersetzt." Heute heißt der Bahnhof mit seinem verwaisten Empfangsgebäude "Calbe (Ost)". Quelle: Wikipedia

 

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