Abgesehen von ein paar Feldwegen hat Wespen nur eine gewidmete Zufahrtsstraße. Weil die bei extremen Drängewasser überflutet werden kann, versucht die Gemeinde seit 2011 bereits mehrfach eine Straßensanierung zu erwirken. Doch bislang ohne Erfolg.

Wespen l Vor vier Jahren um diese Zeit brauchte man ein Amphibienfahrzeug, um nach Wespen zu gelangen. Die einzige Zufahrtsstraße war monatelang nicht befahrbar. In Höhe des "Wespener Kreuz´" stand seit Ende 2010 das Grundwasser. Die Umleitung führte über einen normalerweise gesperrten Feldweg, der sogar von Versorgungsfahrzeugen und Linienbussen befahren werden musste.

Seitdem lassen Ortsbürgermeisterin Gudrun Tulinski und deren Ortschaftsräte selten eine Möglichkeit aus, um auf die Misere aufmerksam zu machen. Doch bisher stießen sie nur auf taube Ohren. Weil man in Wespen die Erfahrung machte, dass Telefonate, Aufträge an die Stadtverwaltung oder freundliche Schreiben zu diesem Problem wirkungslos blieben, wurde nun Landrat Markus Bauer persönlich eingeladen.

"Wir, die Ortschaftsräte, unternehmen seit dem Jahr 2011 vielfältige Schritte, um für die Zukunft die Erreichbarkeit unseres Ortsteiles abzusichern", beginnt das Einladungsschreiben.

Gudrun Tulinski stellt fest, dass seit dem jüngsten Kreistagsbeschluss das Wespener Problem endlich auf der Prioritätenliste für den Straßenbau des Landkreises stehe, "allerdings so weit hinten, dass realistisch nicht mit einem Umsetzen des Umbaus zu rechnen ist."

In dem Schreiben heißt es weiter: "Unsere Straße soll nicht erneuert werden, weil das Kopfsteinpflaster so schlecht ist, sondern weil die Erneuerung der Straße von Barby nach Gnadau dazu geführt hat, dass das Wasser auf der Kreisstraße 1280 nicht mehr abfließen kann." Was ein "hausgemachtes Problem" sei.

Zur Erklärung: Vor Jahrzehnten existierte ein Graben, der das Oberflächenwasser in Richtung Pömmelte ableitete. Doch der wurde der landwirtschaftlichen Nutzung geopfert, ebenso wie die Unterquerung der Kreisstraße Barby-Gnadau nicht mehr existiert. (Früher nannte man diese Stelle, wo Pyramidenpappeln die Kreuzung kennzeichneten, auch "Rote Brücke" oder "an den Pappeln".)

Abgeschnitten

Da die Drängewasser-Situation vor allem im Winterhalbjahr besteht, hatten die Wespener Glück, dass Anfang 2011 nicht auch noch Schneefall einsetzte. Denn die Umleitungswege sind nur teilbefestigt, eine Räumung sei kaum möglich. "In einem solchen Falle wäre unser Ortsteil von der Außenwelt abgeschnitten. Dies stellt ein sehr hohes Sicherheitsrisiko dar", steht in dem Brief an Markus Bauer, den alle Ortschaftsräte unterzeichneten.

Die Kreisstraße nach Wespen ist etwa 1,5 Kilometer lang. "Deshalb ist der Aufwand nach unserer Auffassung unbedingt gerechtfertigt, um die Sicherheit der Einwohner (Erreichbarkeit durch Rettungsfahrzeuge) zu gewährleisten. Dies würde natürlich auch bedeuten, dass unser außergewöhnlicher Kulturschatz, unsere Schrotholzkirche, für Radfahrer besser erreichbar wäre", schreibt die Ortsbürgermeisterin.

Die Lösung wäre die Höherlegung eines kurzen Straßenabschnitts, denn bei der nächsten Drängewasserflut würde sich die Situation von 2011 wiederholen.

Saurer Boden

Alte Wespener kennen diesen Ort nur unter dem Begriff "Sauern-Zeitz", wo sich auch ein kleiner Teich befand. Kaum jemand kennt aber den Grund für diesen ungewöhnlichen Namen.

Der Barbyer Otto Jacob brachte 2011 Licht ins Dunkel der Geschichte: Die Gegend sei seit Menschengedenken feucht. So feucht, dass der Boden "sauer" ist. "Um das in Grenzen zu halten, hatten unsere Vorfahren die Straße untertunnelt, damit das Wasser aus dieser Senke in Richtung Pömmelte abfließen kann", bestätigte auch der damals 83-Jährige. Dieser Straßendurchlauf am "Wespener Kreuz" existiert jedoch nicht mehr, was Stauwasser zur Folge hatte.

Viele Pflanzen sind gegenüber zunehmender Versauerung nicht tolerant. Deswegen war der Acker an dieser Stelle schon immer weniger begehrt als andere Flächen. Denn: Auf landwirtschaftlich genutzten Böden sinken die Erträge, wenn sie "sauer" sind. Acker-Pächter Heinrich Lichtenfeld, der vor der Bodenreform die Flächen nutzte, sei über diesen Acker "nie so richtig glücklich gewesen". Agrar-GmbH-Landwirt Joachim Blume bestätigte die Aussage.

Fazit: Ein gebeutelter Ort, in dem jederzeit wieder das Wasser über die Straßenbankette steigen kann.