Die Ranieser bereiten sich auf den Rosenmontagsumzug vor. Wie jedes Jahr treffen sich Baugruppen und basteln an ihren noch geheimen Festwagen.

Ranies l Die Straßen des Dorfes wirken wie ausgestorben. Doch in den Scheunen und auf den Höfen von Ranies herrscht Hochbetrieb. Bereits zum 61. Mal bereiten sich die Einwohner auf den jährlichen Rosenmontagsumzug vor - und zum 61. Mal findet dieser am Sonntag vor Rosenmontag statt. Als die Landwirtschaft noch Hauptarbeitgeber für die Bewohner von Ranies war, entschieden sich die dort ansässigen Bauern, den Umzug auf ihren einzigen freien Tag vorzuverlegen - den Sonntag. Davon versprach man sich eine höhere Zahl an Zuschauern, was sich in der Folgezeit auch bestätigte. Der Feiertag lockt jährlich bis zu 3500 Zuschauer aus der näheren Umgebung, sowie auch aus Burg und Magdeburg zum bunten Treiben der Ranieser. Die Rekordzahl beträgt 6000 schaulustige Besucher. Dem Beispiel von Ranies folgten bisher sogar größere Städte wie Dessau und Braunschweig. "Zurecht wird Ranies daher als Karnevalshochburg von Sachsen-Anhalt bezeichnet. Das steht sogar im Kreuzworträtsel", verrät Sabine Höpfner (35) stolz, während sie die Volksstimme bei ihrem Rundgang durch den Schönebecker Ortsteil begleitet.

Wie in den Jahren zuvor versammeln sich in diesen Tagen die verschiedenen Bautrupps und basteln zusammen an ihren motorisierten Festwagen. "Stand jetzt: Es haben sich 22 Bautruppen angemeldet, aber es können noch einige dazukommen, da wir immer viele spontane Anmeldungen erleben", erzählt Sabine Höpfner. "Viele Truppen kennen sich bereits seit dem Kindergarten. Manche lösen sich jedoch auf wegen Umzügen, Arbeit, oder der Lebensumstände einzelner Personen." Ina Wesche (35), die mit ihrer Gruppe aus Freundinnen gerade an einem langen Spruchband arbeitet, erläutert, dass es einen "alten und einen neuen Kern" gibt: "Manche Gruppen stellen sich auch ganz neu zusammen, oder werden erweitert. Zum Beispiel durch Anheiraten." Doch nicht nur alteingesessene Freundeskreise schließen sich zusammen. Der vier Mann starke Bautrupp um Ingo Krakau (47) beispielsweise trifft sich lediglich zum gemeinsamen Bauen. "Wir sehen uns eigentlich nur in der Zeit vor Rosenmontag", verrät Ingo Krakau.

Die Planungen beginnen schon im alten Jahr

Aus Zeitgründen ist selten eine Bautruppe komplett. Die Ranieser richten ihren Terminkalender daher ganz nach dem Rosenmontagsumzug aus. Arzttermine beispielsweise werden, wenn möglich, erst Tage danach gemacht. Dennoch ist bei vielen Bastlern oft die Zeit knapp. Daher treffen sich die Gruppen vornehmlich an den Wochenenden und betätigen sich bis zum späten Abend. Diese Treffen erstrecken sich über den ganzen Januar, da viele Baugruppen schon zwischen Weihnachten und Neujahr des alten Jahres anfangen über ihr Thema zu beratschlagen. "Wir sammeln alle unsere Ideen in einem kleinen Buch. In diesem Jahr haben wir uns aber schnell auf ein Thema geeinigt", erzählt Florian Herrler (32), der mit seiner Gruppe bereits seit drei Jahren zusammenarbeitet.

Interessante Ideen zu finden, fällt den Raniesern nicht schwer. Zwar wird die Zahl noch nicht da gewesener Themen immer kleiner, doch dafür greifen die Karnevalisten bereits bekannte Mottos gerne mehrmals auf und interpretieren sie neu. Dabei orientieren sich die Gruppen auch an tagesaktuellen Geschehnissen. Anlässlich des 60. Rosenmontagsumzugs im vergangenen Jahr, zierte ein großer gelber Helikopter einen der Festwagen und spielte damit auf den Skandal im ADAC von 2013 an. Auch die Castingshow "Deutschland Sucht Den Superstar" wurde schon in Form einer großen Dieter-Bohlen-Figur zum Thema gemacht. Sogar dem Jahrhunderthochwasser, von dem Ranies selbst betroffen war, wurden schon mehrere Festwagen gewidmet, mit denen auch den Fluthelfern von damals gedankt wurde.

Ganz reibungslos ging das Fest aber nicht immer von statten. "Vor zwei Jahren hat kurzfristig die für den Umzug eingeplante Blaskapelle abgesagt", berichtet Ina Wesche. Außerdem habe es Jahre gegeben, in den die Musikanlagen ausfielen und die Traktoren gar nicht erst ansprangen. Auch der Winter zeigte sich oft ungnädig und bedeckte das Kopfsteinpflaster mit Schnee. Um den Umzug dennoch zu ermöglichen, versammelte sich das ganze Dorf und räumte die Straßen frei. Diese Art von Einsatz zeigt, wie sehr den Raniesern ihr Rosenmontagsumzug am Herzen liegt. Die Mitgliederzahl des Kultur- und Sportvereins verdeutlicht diese enge Bindung. Von den rund 400 Einwohnern des Dorfes sind 190 Personen dort Mitglieder. Auch die Nichtmitglieder engagieren sich und unterstützen die Vereinsleute als Kassenwarte oder Parkplatzwächter. Wirkliche "Karnevalsmuffel" kennt in dem kleinen Dorf niemand. Selbst ehemalige Ranieser besuchen in jedem Jahr ihre alte Heimat um sich das traditionelle Fest anzusehen. Die Häuser vieler Einwohner sind zum Zeitpunkt des Rosenmontagswochenendes voll mit Verwandten, die sich das Schaufahren der Wagen- und Fußtruppen nicht entgehen lassen wollen.

Die Wagen fahren in jedem Jahr die gleiche Route. Zweimal umrunden sie den Ranieser Ortskern. Wer das Vergnügen hat, selbst auf einem der Wagen zu sitzen, bekommt jedoch nicht alle Projekte anderer Gruppen zu sehen. Von daher ist es üblich, dass die Baugruppen sich am Abend vor dem Umzug gegenseitig besuchen - falls überhaupt Zeit dafür ist. Denn jede der Baugruppen arbeitet bis in die späten Stunden des Sonnabends vor dem Festtag. "Wenn man schon am Nachmittag fertig ist, hat man ein komisches Gefühl. Man glaubt, irgendetwas vergessen zu haben", sagt Frank Bauer (53), der zusammen mit Ingo Krakau, Bernd Koch (54) und Uwe Tauchert (53) seit 15 Jahren den selben Traktor in einen Festwagen umbaut. "Viele Sachen verwenden wir von Jahr zu Jahr nochmal, wie etwa das Gestell. Das Bauen ist natürlich immer eine Kostenfrage, deshalb benutzen wir entweder Materialien neu, oder verwerten sie komplett", erklärt Bernd Koch.

Der Festtag endet nicht mit dem Umzug

Obwohl der Umzug der Wagen um 14 Uhr beginnt und schon um 16 Uhr allmählich ausklingt, nutzen die Ranieser den restlichen Sonntag natürlich bis spät in die Nacht aus. Wer von Tanz und Essen am Nachmittag noch nicht genug hat, trifft sich im privaten Kreis. Beim traditionellen Eierbraten, an dem vor allem die Jugend viel Gefallen findet, oder in gemütlichen festlichen Runden treffen sich die Einwohner und lassen ihren ganz besonderen Tag in aller Freude ausklingen.

Bilder