Zum Barbyer Heimaträtsel vom Dienstag, in dem es um das Schützenhaus im Magdeburger Tor ging, lagen alle Leser richtig. Viele Zeitzeugen teilten ihre Erinnerungen mit.

Barby l "Hermann Reinboth war der Wirt des Schützenhauses, übergab es an seinen Sohn Siegfried, der aber vor 1961 in den Westen ging. Und Mutter Metha verkaufte beim Tanz die Würstchen", bringt Lieselotte Schindler die halbe Genealogie der Betreiberfamilie auf den Punkt. Die 85-Jährige ging mit ihren Freundinnen gerne in das Schützenhaus zum Tanz, das zu DDR-Zeiten "Stadtpark" hieß. "Heimicke hieß der Kassierer. Wir haben uns immer geärgert, dass der bis zum Ende der Veranstaltung Eintritt verlangte", schmunzelt Lieselotte Schindler.

Manfred Matz (66) wohnte damals am Weinberg. Er kennt das Schützenhaus in erster Linie als Möbelverkaufsstelle und Kaufhalle. Winfried Schiffel ist mit seinen 59 Jahren ebenfalls zu jung, um die große Zeit als Tanzlokal erlebt zu haben. "Wir spielten als Kinder dort im Garten, wenn bei der GST Schießtraining war", weiß der pensionierte Polizeibeamte noch genau. Der Deutsch- und Staatsbürgerkundelehrer Bernhard Mitrasch war Chef der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) und leitete den KK-Schießstand hinter dem Schützenhaus.

Winne Schiffels Vorfahren, die Schiffbauer Otto und Christoph Kunkel, bauten dort den Boxring in den 1930er Jahren auf (siehe Foto unten). Sein Vater Günther Schiffel kann eine Episode beitragen, die in den 1950er Jahren in Barby die Runde machte: Ausgerechnet ein Volkspolizist landete mit seiner grünen "Pannonia" (Motorrad) im Graben, nachdem er im Schützenhaus mehrere geistige Getränke konsumierte.

Wie auch unsere treue Leserin Margret Maynicke (70) wusste Christa Götze (geb. Kirchhof, 74) aus Klein Rosenburg Bescheid: "Als Kind haben wir oft die Leute beobachtet, wenn sie zum Maskenball oder anderen Vergnügen gingen. Hier waren auch Sportveranstaltungen wie Boxen, mit Lokalmatador Pommerenke, Otto und Walter Kohlschmidt. Im Garten wurde im Sommer auch ausgeschenkt. Es war für alle eine schöne Zeit!"

Metha am Fenster

Roswitha Gaßler (62) schreibt: "Dort ist heute meine Arbeitsstelle, der NP-Markt. Früher hatte ich dort auch Weihnachtsfeiern, später kaufte ich meine ersten eigenen Möbel mit einem zinslosen Ehekredit. Ach ja, auch die GST war vertreten. Ich habe das silberne Schießabzeichen im KK-Schießen dort gemacht."

Martina Krause erinnert sich zusammen mit ihrem Vater Franz (97), der das Schützenhaus mit Getränken belieferte.

Ähnliche Erinnerungen hat Klaus-Dieter Nimmich aus Pretzien. Er schreibt: "Inhaber war die Familie Reinboth, welche die schöne Gaststätte mit Saal, Garten und Schießstand aufgab. Danach wurde im Garten nur noch der Schießstand durch die Ortsgruppe der GST genutzt, der Rest verwahrloste teilweise, bis zur Nutzung als Verkaufseinrichtung. Hier trug die Handelsorganisation (HO) die Verantwortung, wo unter anderem die Ursel Halle als Leiterin fungierte."

Und auch Letztgenannte beteiligte sich am Volksstimme-Rätsel, macht aber gleich klar, dass hier der "Konsum" den Hut auf hatte. Ursula Halle (75) war als Leiterin von 1977 bis 1993 in der Kaufhalle tätig. Sie arbeitete zuvor im Ressort "Handel und Versorgung" beim Rat der Stadt, war stellvertretende Bürgermeisterin. 1977 übernahm sie als Leiterin das zur Kaufhalle umgebaute Schützenhaus, in dem nach Reinboths Flucht in den Westen bis Mitte der 1970er Jahre Möbel verkauft wurden. Derweil Parterre bis heute Lebensmittel des NP-Marktes gehandelt werden, war in der ersten Etage ein Industriewarenverkauf. Und einen Spätverkauf gab es (Foto unten) auch.

Ursula Halle erinnert sich auch noch an die 1950er Jahre, als im Saal ein großer Billardtisch stand und sowjetische Delegationen des Niederschachtofenwerkes Calbe zu Kulturaufführungen nach Barby kamen. Metha Reinboth, die alte Wirtin, behielt ihr Wohnrecht. Sie saß etwa bis Ende der 1960er Jahre täglich am Fenster, um das Leben und Treiben auf der Straße zu beobachten. Barby hatte damals noch rund 6000 Einwohner ...

(Gewonnen hat Lieselotte Schindler, die in den kommenden Tagen einen kleinen Anerkennungspreis erhält).

   

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