Wer platzt denn da ins Konzert der Kammerphilharmoniker? Eine Touristengruppe? Gastdirigent Reto Parolari verwandelt das renommierte Orchester am Wochenende in eine flotte Tanzkapelle. Ein "Kurzer" im Ensemble und eine kalauernde Kabarettisten Marion Bach ... Das kann nur eines bedeuten: Fasching dominiert den Dirigentenstab.

Schönebeck l Karnevalszeit! Die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie hatte sich in den vergangenen Jahren regelmäßig vom Virus des Sich-Verkleidens anstecken lassen und avancierte unter der Leitung des Schweizer Dirigenten Reto Parolari mit erstklassiger Unterhaltungsmusik und originellen, zuweilen unvermittelten Späßen zum Gute-Laune-Garanten. Da gilt auch 2015: Nichts wie hin!

Doch, was war das? Nichts deutete am Wochenende im Schönebecker Dr.-Tolberg-Saal auf eine Karnevalsveranstaltung hin, das Orchester schien im schwarzen Anzug musizieren zu wollen. Das Publikum ließ sich nicht beirren und begrüßte leidenschaftlich den erwarteten Gastdirigenten Reto Parolari. Stört doch eine Touristengruppe den Beginn des musikalischen Vergnügens! Oder waren das Kurgäste? Um diese Zeit? So mondän behütet und mit auffälligen Brillen ... Ähnlichkeiten mit dem Chefdirigenten des Schönebecker Orchesters, Gerard Oskamp, oder der neuen Regisseurin vom Bierer Berg, Katharina Kutil, garantiert ausgeschlossen ...

Und dann noch die bekannte Stimme der Reiseleiterin... eine Fatamorgana! Und wie die geredet haben, die wussten nicht mal, wer Dr. Tolberg war. Sole kannten sie auch nicht...

Gut, dass die den Saal rasch wieder verließen und die Kammerphilharmoniker frisch und schwungvoll aufspielten! Parolari verwandelte das Orchester in eine flotte Tanzkapelle und sorgte mit dem Potpourri "Messeschlager Gisela" von Gerd Natschinski für gute Stimmung im Saal. "Wir machen Musik", sang Kabarettistin und Sängerin Marion Bach und verlieh mit ihrem eigenen lokal bezogenen Text dem "Chattanooga Choo Choo" ganz persönlichen Esprit.

Noten-Wärterin plaudert aus dem Musiker-Klischee-Nähkästchen

Ebenso herzerfrischend wirkte das Kinderlied "Hänschen Klein" im Stil verschiedener Komponisten. Dann ging das Licht im Saal aus, ein Scheinwerfer entzwei. Ein Elektriker-Meister und seine Auszubildende sollten den Lichtkegel wieder zum Leuchten bringen. Frei nach Karl Valentins Vorlage "Der verhexte Scheinwerfer" kalauerten Marion Bach und Andrea Beckmann hier, was das Zeug hielt. Die Frage, ob da irgendwo ein "Kurzer" drin sei, quittierte das Publikum mit herzhaftem Gelächter, weil sich der Solo-Klarinettist ob seiner Größe angesprochen fühlte.

Ende gut - alles gut, der Lichtstrahler auch. Die Kammerphilharmoniker schickten ihr Publikum mit einem rasanten Xylophon-Flick-Flack, der Parolari in Hochform an seinem Instrument zeigte, in die Pause.

Danach plauderte zunächst eine Noten-Wärterin aus dem Musiker-Klischee-Nähkästchen. Und dann kamen sie doch noch: the same procedure as every year! Die kostümierten Musiker, vermummt, knallrot behütet, befedert, extrem langhaarig, mit Schiebermütze oder mit weit schwingendem Umhang. Der in Magdeburg geborene Komponist Ernst Fischer bereicherte das Programm, der auf den Himalaya kletternde Maier, Bananen und Siegbert Reipsch`s Tarantella sorgten für Applaus im Saal. Reto Parolari ließ durchsichtig und exakt musizieren. Die unbändige Ausgelassenheit der Musiker erzeugte einen voluminösen, opulenten Klang. Der Zuhörer wähnte sich in einem Riesen-Zirkuszelt. Hier hinein passte auch die liebevoll von Marion Bach vorgetragene Otto-Reutter-Satire auf das Leben "Immer weiter, immer weiter..."

Parolari und die Kammerphilharmonie verabschiedeten sich mit einem Potpourri aus dem "Weißen Rössl". Natürlich kamen sie nicht ohne Zugaben davon, mit einer Gesangseinlage des Dirigenten und natürlich mit der Donkey-Serenade. Doch ließ der Abend Fragen offen: Wo ist die Touristengruppe geblieben? Konnte das elektrische Problem gelöst werden? Wie wird die Gesangs-Karriere von Reto Parolari verlaufen?