Heute auf den Tag genau vor 25 Jahren fand in Plötzky eine Demon- stration statt. Rund 1500 Bürger gingen zur Rettung der Klosterberge auf die Straße. Am Ende hatte das Volk auch Erfolg: Sand wurde nicht abgebaut, die Natur gerettet.

Plötzky l Es ist Sonnabend, 11. Februar 1990. Kalter Wind vermischt sich mit leichtem Nieselregen. Die Menschen, die sich vor der Plötzkyer Kirche St. Maria Magdalena treffen, sind aufgebracht. In der Kirche werden sie ab 14 Uhr von der Pfarrersfamilie Meussling und anderen Mitgliedern des Unabhängigen Bürgerkreises Plötzkys (UBK) empfangen. Pfarrer Rüdiger Meussling staunt nicht schlecht: Die Kirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt, selbst vor dem Gotteshaus stehen Einwohner. Es geht um nichts geringeres als die "Bewahrung der Schöpfung", so der Titel der Veranstaltung. Anschließend brechen sie zu einer Wanderung in den Wald zwischen Plötzky und Pretzien auf.

Dass die Mitglieder des Bürgerkreises von dem Skandal unweit ihres Dörfchens überhaupt Wind bekommen haben, ist einem Zufall zu verdanken. Zwei Tage vor Weihnachten des Wendejahres 1989 lädt ein Laster Platten an einem Waldweg ab. "Diese sollten als Zufahrt genutzt werden. Vom Klosterberg wollte man Quarzsand für die Gießereien im großen Stil abbauen", erinnert sich Maria Meussling im Gespräch mit der Volksstimme. An jenem 22. Dezember entdecken aufmerksame Einwohner diese Platten, die als Fahrspuren den Weg bereiten sollen, damit die Laster auch bei schlechter Witterung den aufgeweichten Waldweg fahren können. "Sofort haben wir uns dem Lkw in den Weg gestellt. Es kamen weitere Familien mit Kindern hinzu", beschreibt Maria Meussling den Anfang der Proteste.

Was folgt, sind hoffnungsvolle Eingaben, die die UBK-Mitglieder an den Rat des Kreises, an den Rat des Bezirkes und den Staatsrat richten. Doch die Verantwortlichen verspotten die Plötzkyer, dass man sich sehr "intensiv um den Vorgang" kümmern werde, passieren wird aber nichts. Ein Teil des Mischwaldes ist bereits den Maschinenraupen zum Opfer gefallen. Außerdem wurde die obere Bodenschicht abgetragen, so dass der Sand freilag. Hinter den Kulissen scheinen sich die verantwortlichen Genossen ins Fäustchen zu lachen. Ungeachtet des ersten Protestes fahren sie ihre alte bewährte Staatslinie fort: Die Partei hat immer recht - die Vorbereitungen für den industriellen Abbau des Quarzsandes wird heimlich vorangetrieben.

"Wir trauten weder den Zusagen des Staates noch dem Frieden und der Stille."

"Wir trauten weder den Zusagen des Staates noch dem Frieden und der Stille", erinnert sich der Pfarrer. Also wird parallel ein Plan geschmiedet, wie der weiteren Abholzung des Waldes und dem Abbau des letzten der vormals 14 Hügel - in diesem Fall dem 60 Meter Klosterberg - entgegengewirkt werden kann. Dass sich die Mitglieder des Unabhängigen Bürgerkreises unter dem schützenden Dach des Pfarrhauses Plötzkys treffen, spricht sich herum. Nicht nur in Plötzky, sondern auch in Pretzien. Ebenso auf den naheliegenden Campingplätzen, auf denen sich Schönebecker und Magdeburger angesiedelt haben.

Was die Menschen dann herausfinden, lässt Meusslings noch heute unverständnisvoll mit dem Kopf schütteln. Zahlleiche Camper berichten, dass die Veranwortlichen mit ihnen Einzelverträge gemacht haben und machen wollen, um den Zelt- oder Wohnwagenbesitzern einen anderen Platz zuzuweisen. "Wer sich querstellte, wurde beschimpft und so lange mit Worten bearbeitet, bis er weichgeklopft war", so Maria Meussling. Dabei nehmen sich die Staatsbediensteten immer nur einzelne Bürger vor, nie ist es die Masse.

Aus all den Informationen und Gesprächen formt sich für den Unabhängigen Bürgerkreis ein immer klareres Bild, was auf dem 25 Hektar großen Areal zwischen Plötzky und Pretzien passieren soll:

- In den vergangenen Monaten der Wendewirren ist dort schon ein Wald mit einer Fläche von sieben Hektar geschlagen worden. Mindestens drei Hektar umsonst, weil unter den Bäumen Felsen gefunden wurden und kein Sand.

- Der Zeltplatz Gisela- und Edersee mit rund 820 Campern soll vollständig verschwinden, weil der Sand für den Abbau bis an den See heran abgetragen werden soll.

Als sich Maria und Rüdiger Meussling gestern mit der Volksstimme treffen, zeigen sie alte Fotos von damals. Außerdem läuft ein VHS-Video, dass ein Freund aus Braunschweig in den bewegten Februartagen aufgenommen hat. "Der Staat hat uns immer versucht vorzumachen, dass nach einer Aufforstung der alte Zustand in wenigen Jahren wieder hergestellt ist. So ein Quatsch", erzählt Maria Meussling.

Da die schriftlichen Eingaben nichts bringen, wollen die Mitglieder des Bürgerkreises nun zeigen, dass es so nicht weitergehen kann. Sie organisieren eine "demonstrative Wanderung zur Rettung der Klosterberge bei Plötzky", wie aus alten Unterlagen hervorgeht. Nach dem Treff, einleitenden Worten und einem Gebet zur Wahrung der Schöpfung mit Pfarrer Rüdiger Meussling machen sich die Menschen auf der Straße durch das Dorf. Es sind rund 1500, die sich zusammengefunden haben. Es ist damit eine der stärksten Kundgebungen, die in Plötzky je stattgefunden hat. Es sind Einwohner der umliegenden Dörfer sowie Camper aus Magdeburg und Schönebeck dabei.

Deutliche Sprache auf den Transparenten: "Wir sägen Bonzen ab, nicht Bäume."

Der Tross setzt sich in Bewegung. Mit den Füßen wird demonstriert. Einige bringen Transpartente mit: "Klosterberge - keine Klostergrube", "Grün ist leben, wir lassen und das nicht nehmen" und "Wir sägen Bonzen ab, nicht Bäume". Die Kameraden der freiwilligen Feuerwehr sperren die Straßen. Am Waldrand wird zur Mahnung ein Holzkreuz gesetzt. Weiter bewegen sich die Protestler zur alten ballerstedtschen Grube, die flach wie ein Teller ist. Etwa 17 Hektar groß wurde sie im Jahr 1983 aufgeforstet, noch immer sind die Bäumchen winzig klein. "So sähe es am Klosterberg dann auch aus", ruft ein Demonstrationsteilnehmer in die Menge. Begleitet werden die Menschen übrigens auch von Förstern.

Am Königssee mit dem grünen Wasser geht der Marsch vorbei zur jetzigen Grube Heinrichstal. Sie ist fast leer und wird bereits teilweise planiert. Aber noch reicht der Quarzsand für die Gießereien bei vernünftiger Abfuhr für ein Jahr, wissen die Demonstranten zu berichten. Die Grube war für sechs bis acht Jahre geplant, ist aber schon nach drei Jahren verbraucht. Der Grund: Es wurde wie immer schlecht und unkontrolliert gewirtschaftet.

Der Demonstrationszug bewegt sich weiter durch das Naherholungsgebiet. Im Sommer erholen sich dort Tausende Menschen aus den Ballungsgebieten der DDR. Ihnen allen soll jetzt der Wald zur Erholung gestohlen werden.

Zufrieden kehren die Teilnehmer nach Plötzky zurück. Sie haben ein deutlich sichtbaren Zeichen gesetzt: "Mit uns nicht!" Die Resonanz auf die Initiative zum Erhalt der Klosterberge zeigt das Interesse der breiten Öffentlichkeit. "So hoffen wir, daß diese Wanderung ein Signal gesetzt hat, daß politisch Verantwortliche in Zukunft bei aller wirtschaftlicher Notwendigkeit sorgsamer mit unser Heimat umgehen", heißt es später in einem offenen Brief des Bürgerkreises.

Doch bei der "Demonstrativen Wanderung" soll es nicht bleiben. Zahlreiche Mitglieder des Unabhängigen Bürgerkreises kandidieren für die freie Wahl zum Gemeinderat Plötzky - und werden gewählt. Damit erhält der Naturschutz eine laute Stimme in der politischen Neuordnung.

Fünf Monate später erreicht der Plötzkyer Bürgerkreis der erlösende Brief. Der Rat des Bezirkes Magdeburg teilt mit, dass sich mit "zunehmender Herausprägung marktwirtschaftlicher Bedingungen Zwänge der Planung und Bilanzierung spürbar gebrochen worden und sich die Gießereien völlig neue Versorgungsmöglichkeiten ergeben".

"Damit besteht keine Notwendigkeit zur Durchführung von Gewinnungsarbeiten."

Und weiter: "Damit besteht keine zentralistisch bewirkte zwingende Notwendigkeit mehr zur Durchführung von Gewinnungsarbeiten im Raum Plötzky-Klosterberge." Zudem wird das gesamte Gebiet mit den Wäldern und Seen in den Naturschutzplan aufgenommen und so unter besonderen Schutz gestellt. Im August 1990 beginnt die Wiederurbarmachung der abgeholzten Fläche des Waldes.

Auch das gehört zur Wahrheit von damals: Die Volksstimme berichtete vor 25 Jahren nicht über die Demonstration von Plötzky und dem Unabhängigen Bürgerkreis. Das wird jetzt hiermit nachgeholt.

 

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