Schönebeck l Die Wittenbergerin Johanne Friederike Lohmann (1749-1811) hatte einige schwere Schicksalsschläge zu verkraften. Nach dem frühen Tod der Eltern musste sie ihre jüngeren Geschwister versorgen. Ihr erster Ehemann aus Zwickau brachte das Familienvermögen durch und ließ die Mutter seiner drei Kinder schließlich sitzen. Nachdem sie sich von dem Verschwundenen nach zehnjähriger Wartezeit hatte scheiden lassen, ging Lohmann zur Absicherung ihrer Familie ein zweites Mal, diesmal in Schönebeck, die Ehe ein. Drei weitere Kinder später verstarb Lohmanns zweiter Gatte und hinterließ ihr zwar ein beachtliches Vermögen, dieses veruntreute allerdings ein Schwager in erstaunlich kurzer Zeit.

Zuletzt hatte Lohmann also allein sechs Kinder zu versorgen. Die hochgebildete Professorentochter, deren Mutter adliger Herkunft war, begann zu schreiben, um ihre Familie zu ernähren - und das mit äußerst großem Erfolg: Als Lohmann 1811 im Alter von 62 Jahren verstarb, galt sie als eine der populärsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit.

Ihre in Schönebeck im Jahr 1783 oder 1784 geborene Tochter aus zweiter Ehe, Emilie Friederike Sophie Lohmann, trat fortan als Nachlassverwalterin der Mutter auf. Um das anhaltende Interesse der Leser zu bedienen, aber auch um die geschwisterreiche Familie durchzubringen, gab Emilie Friederike in den folgenden Jahren zahlreiche Sammelausgaben der mütterlichen Texte heraus. So erschienen ab 1818 zwei Bände Erzählungen, ab 1825 zwei Bände Romane und ab 1828 16 Bände Erzählungen.

Hierbei sollte der Eindruck erweckt werden, dass es sich bei den veröffentlichten Texten um Arbeiten von Johanne Friederike Lohmann handelte. Tatsächlich aber zweifelten Leser und Presse bald daran, dass die ältere Lohmann je so produktiv gewesen sein sollte, wie es die jüngere Lohmann mit den immer umfangreicher werdenden Sammelbänden suggerierte. Die Vermutung kursierte, die Tochter aus Schönebeck selbst hätte zur Feder gegriffen und den Erzählstil der Mutter imitiert. Und das so perfekt, dass sogar vermutet wurde, ältere Romane wie "Jacobine" (1794), "Clare von Wallburg" (1796) und "Antonie" (1799), die zu Lebzeiten der Mutter Lohmann erschienen waren, wären eigentlich von der Tochter verfasst worden, auch wenn das chronologisch kaum möglich gewesen sein dürfte: Im Jahr 1794, als der Erfolgsroman "Jacobine" erstmals veröffentlicht worden war, zählte Emilie Friederike gerade einmal elf Jahre.

Die Tochter selbst ging auf derartige, immer wilder um sich greifende Spekulationen um die wahre Autorenschaft der von ihr publizieren Werke nicht ein. Ungeachtet des Medienrummels um ihre Person gab sie sich weiter schlicht als Nachlassverwalterin der Mutter aus, vielleicht, weil sie fürchtete, andernfalls in der Gunst der Leserschaft zu sinken und die Familie nicht mehr versorgen zu können.

Bis zu ihrem Tod im Jahr 1830 schwieg sie sich über ihren wahren Anteil am Werk der Mutter aus.

Die Nachwelt reagierte sofort auf diese Unklarheit der Autorenschaft: Als 1844 die mit 18 Bänden äußerst imposante Werkausgabe "aus letzter Hand" in einem Leipziger Verlag erschien, wurde als Verfasserin der hier vereinten Texte schlicht "Friederike Lohmann" angegeben.

Mutter und Tochter waren unter diesem von beiden geführten Namen nun auch literarisch übereingekommen.