Heinz Armin Sixdorf (73) aus Breitenhagen hat eine reich illustrierte Broschüre über das Katastrophenhochwasser von 2013 verfasst. Schwerpunkt sind die Ereignisse rund um den Deichbruch im Juni.

Breitenhagen l Als Heinz Armin Sixdorf vor zehn Jahren sein umfangreiches Manuskript zur "Geschichte von Hochwasser-Katastrophen und Deichbauten" drucken ließ, konnte er nicht ahnen, dass ihm das Jahr 2013 eine Fortführung seines ersten Buches aufzwingen würde. Damals lasen sich die historischen Berichte von Deichbrüchen, Not und Evakuierungen wie Geschichten aus längst vergangener Zeit. Konnte so was in Zeiten von Mondflug, Computer und üppigem Wohlstand auch heute noch passieren? Wohl kaum.

Und nun war der Autor selbst betroffen.

Abgerissener Fähranker und Elbekonferenz

Sixdorf beginnt seine Chronologie der Ereignisse mit einigen Volksstimme-Ausrissen, die etwas mit Elbe und Saale zu tun haben: Im Februar 2013 muss die Stadt Barby einen neuen Fähranker anschaffen, nachdem der alte infolge Seilriss abhanden gekommen war. Es wird von der Zunahme von Hutungsverträgen für Deiche und von einer Elbekonferenz berichtet. Im März treibt ein Binnenschiff auf die Fähre Breitenhagen zu, das sich losgerissen hat. Im Mai werden leistungsstärkere Pumpen für das Schöpfwerk Trabitz angekündigt; am 28. Mai heißt es: "Es regnet und regnet, ein 5-b-Tief steht über Thüringen ... Tschechien, es bringt 80 Liter Wasser pro Quadratmeter und teilweise noch mehr ..."

5b-Wetterlage! War da nicht was? Saugte sich so ein Tief nicht auch 2002 über dem Mittelmeer wie ein Schwamm voll Wasser und regnete in Mitteleuropa ab?!

Wenige Tage später lädt Ortsbürgermeister Kotzur zur "Einwohnerversammlung über das Hochwassergeschehen im Ortsteil Breitenhagen" ein. "Hochwassergeschehen" klingt relativ harmlos, wie etwa Kultur- oder Sportgeschehen.

Am 4. Juni prognostiziert der Landesbetrieb für Hochwasserschutz (LHW) einen Pegel von deutlich über sieben Meter. Die Vorsorge- und Rettungsmaschinerie läuft an. "Nur gut, dass unsere Beamten die Bürokratie des preußischen Gehorsams noch nicht verlernt haben", kommentiert Heinz Armin Sixdorf lakonisch, der früher selbst LHW-Mitarbeiter war.

Was nun folgt, braucht der Autor nicht aus der Zeitung auszuschneiden, weil er selbst ganz nahe dabei ist.

Täglich werden am Deich drei Arbeitsgruppen eingeteilt, die von Gruppenführern der Feuerwehr angeleitet werden. Es gilt Sandsäcke zu verlegen. Am 5. Juni sind 326, am 6. Juni 545, am 7. Juni über 700 Personen in Einsatz. Der rüstige Rentner Sixdorf ist für Fahrzeugtransporte und Verpflegung zuständig. Mehrere Frauen registrieren die Helfer aus versicherungstechnischen Gründen. Sie kochen Kaffee und Tee, geben warmes Essen und Massen von Wasserflaschen aus. Das Essen kommt vom Arbeitersamariterbund; Fährmann Karl-Heinz Orlowski organisiert eine Gulaschkanone und kocht ...

Das Aufkaden (erhöhen) des Deiches ist am 7. Juni gegen 20 Uhr abgeschlossen. Einsatzleiter Gerit List bedankt sich für die aufopferungsvolle Arbeit.

An den kommenden zwei Tagen überschlagen sich die Ereignisse. Die Deichwache meldet am 8. Juni einen rund 100 Meter langen Riss auf der Deichkrone am Schöpfwerk. LHW-Flussbereichsleiter Christian Jung fordert Überseecontainer an, die auf der Landseite den Deich verstärken sollen. Nur noch Hubschrauber sind in der Lage, sie dort abzusetzen. Es erfolgt eine Absage: Alle Helikopter werden anderenorts gebraucht. Am Abend des 8. Juni kommen zwei kleine Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes, die Bigpacks absetzen. Bei Dunkelheit dürfen sie nicht mehr fliegen, weil sie keine Nachtflugerlaubnis haben ...

Die Katastrophe nimmt ihren Lauf

Mittlerweile ist das Dorf evakuiert.

Die wenigen Helfer müssen nun mit ansehen, wie die unvermeidliche Katastrophe ihren Lauf nimmt. Am 9. Juni bricht der Deich um 7.19 Uhr. Der Pegel Barby fällt danach binnen 24 Stunden um 42 Zentimeter.

Heinz Armin Sixdorf zeigt die Katastrophe anhand von Luftaufnahmen wie im Zeitraffer.

Veröffentlicht wird in der 60-seitigen Broschüre auch ein spannendes Gedächtnisprotokoll der Breitenhagenerin Cornelia Wilborn, die sich der Evakuierung widersetzte, trotz Strafandrohung blieb und erst am 10. Juni aufgab.

Im Nachwort schreibt der 73-jährige Sixdorf: "Es wird wohl noch lange dauern, bis alle Schäden behoben sind. (...) Letztendlich hat die verheerende Hochwasserkatastrophe gezeigt, wie verwundbar wir Flussanwohner sind ... Nur die Gemeinsamkeit gibt uns Kraft, hier in der Region zu bleiben und nicht zu gehen."

Die Broschüre ist in Heinz Armin Sixdorfs Eigenverlag erschienen. Nähere Informationen unter der Rufnummer (039294) 20796.