Heute soll mit dem Abriss des Barbyer Stadtcafés begonnen werden. Das denkmalgeschütze, stadtbildprägende Haus in der Innenstadt war nicht mehr zu retten. Bei den Abriss-Vorbereitungen kamen interessante Funde zum Vorschein.

Barby l Bevor voraussichtlich heute die schwere Abrisstechnik anrückt und das Eckhaus mit dem kleinen Erker den Garaus macht, versuchte Ende vergangener Woche Stefan Celba zu retten, was noch zu retten ist. Der Barbyer betreibt einen Handel für historische Baustoffe, kann Ziegel, Steine, Türen und Fenster anhand ihrer Form recht gut datieren. "Ziemlich weit oben habe ich einen handgestrichenen Dachziegel mit der Jahreszahl 1702 gefunden", freute sich Celba, der in der ehemaligen Gutsmühle an der Reha-Klinik einen schwunghaften Antiquitätenhandel betreibt. Diesen Ziegel, sowie einen jüngeren mit der Aufschrift "A. KNOBBE B. GLINDE", will er aber nicht zum Verkauf anbieten, sondern als "Barbyer Heimatseele" selbst auf seinem Grundstück in die Wand einlassen.

Krüppelwalmdach datiert Haus in den Barock

Verfolgt man die Spur der Ziegel, werden Zeiträume fassbar. So ist die vergessene Ziegelei Knobbe für den Glinder Heimatfreund Helmut Fabian ein Begriff. "Die war dort, wo heute das Baggerloch ist", weiß er, "wir haben auf unserem Hof auch Ziegel mit diesem Stempel. Fabians Scheune wurde Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut. "Knobbe hat bereits vor dem Ersten Weltkrieg aufgegeben, weil der Ton alle war." Die Ziegel seien nicht besonders gut gewesen, zwar hart, berichtet der Glinder, aber salpeteranfällig. Er selbst arbeitete als Handwerker kurz nach der Wende im ehemaligen Stadtcafé, wo ein Türke Textilien verkaufte. Es handelt sich vermutlich um jenen Besitzer, der das Haus später auf dramatische Weise verfallen ließ. Am Ende waren die Absperrungen von solcher Dimension, dass eine ganze Straße dicht gemacht wurde. Das Landratsamt gab jetzt endlich grünes Licht zum Abriss, der dem Besitzer in Rechnung gestellt wird.

Nach weiteren Fundstücken kam Baustofffachmann Stefan Celba zu dem Schluss, dass das Haus aus dem frühen 18. Jahrhundert stammen muss. Worauf das Krüppelwalmdach schließen lässt, wie es im Barock gebaut wurde. Ist das Stadtcafé wirklich so alt wie der Ziegel von 1702, wäre es für Barbyer Verhältnisse "sensationell alt". Das kommt daher, weil der große Stadtbrand 1798 rund 150 Gebäude der Innenstadt vernichtete. Es kam aber damals häufig vor, dass gut erhaltene Baustoffe mehrfach verwendet wurden. So ist bekannt, dass nach dem Stadtbrand vor 217 Jahren viele Ziegelsteine, Balken und Dachziegel wieder verwendet wurden. Sie waren wertvoll, weil zum damaligen Zeitpunkt noch viele Gebäude mit Stroh gedeckt waren.

Heikle Dinge wurden auf dem Dachboden versteckt

Dennoch fanden sich in dem Haus noch weitere Hinweise auf das 18. Jahrhundert. Dazu zählt der barocke Knauf einer Innentür, an dem Generationen von Mietern zogen. Andere Türen tragen sogenannte schmucklose Schippenbänder aus Eisen, wie sie im 19. Jahrhundert geschmiedet wurden.

Apropos, Generationen. Zu allen Zeiten versteckte der Mensch heikle Dinge auf Dachböden. Egal, ob Liebesbriefe der Verflossenen, Waffen, Fahnen oder politische Symbole. Deswegen gelten Dachdecker als Schatzsucher wider Willen. Auch unter den Dachsparren des Barbyer Cafés wurde ein etwa kuchentellergroßes Hakenkreuz gefunden, das jemand aus einer Messingplatte ausgeschnitten hatte.

Wer mag es wohl hastig verborgen haben? Mitte April 1945 besetzten die Amerikaner Barby, im Juli kamen die Russen. Da war es besser, wenn jegliche Symbole der Nazi-Zeit verschwanden.

   

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