Frohse l Karg eingerichtet ist das Zimmer von Jouma Mohamed Al Yousef. Der 39-Jährige stammt aus Syrien. Seit dem 20. Dezember ist die ehemalige Schifferschule in Frohse sein Zuhause. In den vier Wänden, die ihm als Asylbewerber vom Landkreis zur Verfügung gestellt werden, stehen ein Doppelstock- und ein Einzelbett, dazu noch ein kleiner Tisch und ein Kleiderschrank. Es ist das Nötigste. Auffällig ist: Privates wie Fotos fehlen komplett.

"Alle meine Dokumente wurden mir in Ungarn abgenommen", sagt der 39-jährige Familienvater. Das sei während seiner Flucht passiert. Zweieinhalb Monate war er unterwegs, ehe er in Deutschland Asyl gefunden hat. Hier ist er auf sich allein gestellt. Seine Frau und fünf Töchter musste er in Syrien zurück lassen. "Die Flucht wäre zu anstrengend gewesen", sagt er. Seine Kinder sind zwischen zwei und 17 Jahren alt. Derzeit verstecken sie sich an einem sicheren Ort in der Nähe zur türkischen Grenze, sagt der Familienvater.

Täglich telefoniert er mit seiner Frau, auch der Nachrichtendienst whatsapp hilft, die Sehnsucht zu mindern. So hat Jouma beispielsweise eine Sprachnachricht seiner Jüngsten auf dem Handy. Sie lernt gerade sprechen - eine spannende Zeit, die er nicht erleben kann.

Doch in dem Ort in Syrien, in dem er mit seiner Familie gelebt und wo er als Elektriker gearbeitet hat, war eine weitere Existenz nicht möglich. "Am Ende wusste man nicht mehr, von welcher Seite eigentlich gerade geschossen wird", versucht er das in Worte zu fassen, was eigentlich unbeschreiblich ist. Sollte sich die Lage in Syrien irgendwann wieder verbessern, dann könnte sich der 39-Jährige die Rückkehr in die Heimat vorstellen. Doch wann wird das sein? Jouma ist skeptisch. Deshalb möchte er gern seine Familie nachholen nach Deutschland, um hier ein neues Leben mit neuer Wohnung und mit einer Arbeitsstelle anzufangen.

Dazu gehört auch, dass er die deutsche Sprache beherrscht. Zweimal in der Woche besucht Jouma einen Sprachkurs. Hierbei lernt er die Grundkenntnisse. Für eine Unterhaltung reicht sein Wortschatz noch nicht. Deshalb ist beim Volksstimme-Besuch in dem Asylbewerberheim Senual Al-Chakmakchi dabei. Er ist beim Landkreis angestellt und in der Arbeitsgruppe Asylbewerber eingesetzt. Sein Vorteil: Er beherrscht fünf Sprachen. Eigentlich ist er für jene Flüchtlinge zuständig, die dezentral in Wohnungen untergebracht werden. Mehr als 150 Wohnungen sind im gesamten Landkreis dafür angemietet. Außerdem betreibt der Landkreis fünf Gemeinschaftsunterkünfte - neben Schönebeck befinden sie sich in Aschersleben und Bernburg.

In der ehemaligen Schifferschule sind derzeit 111 Männer untergerbacht - in Zwei- und Dreibettzimmern. Die Sanitär-bereiche und Küchen werden gemeinschaftlich genutzt.

In einer solchen Küche - ausgestattet mit mehreren Herden - befinden sich gerade Renjith Prabhakar (34) und Akash Posiya (27). Die aus Indien stammenden Männer bereiten sich ihr Mittagessen. Es gibt Rührei mit gebratenen Zwiebeln. Ist das Essen fertig, ziehen sie mit Pfanne, Eierpackung und dem Mahl zurück in ihr Zimmer. Beide stammen aus unterschiedlichen Regionen Indiens, sie befinden sich auch verschieden lange in Deutschland - in Schönebeck nun teilen sie sich ein Zimmer. Inzwischen haben sie sich angefreundet.

Rückkehr steht in Sternen

Bereitwillig berichten sie von ihrem Schicksal. Dass sie als Inder überhaupt flüchten müssen, mag für manch Deutschen unverständlich sein auf den ersten Blick. Schließlich gilt Indien nicht als Kriegsland. Dafür herrschen religiöse Kämpfe sowie Korruption innerhalb von Verwaltung, Polizei und Militär.

Beide mussten in ihren Heimatorten Gewalt, Skrupellosigkeit und Bedrohung erleben. So makaber es klingt, aber die Flucht war für sie finanziell günstiger als die Bezahlung des vermeintlichen Polizeischutzes. Eigentlich wollte Renjith nach England flüchten, letztlich war er ein dreiviertel Jahr unterwegs - unter anderem in Moskau - und ist statt in Großbritannien in Deutschland gestrandet. Seit Juli ist er im Schönebecker Asylbewerberheim untergebracht. Sein Zimmernachbar Akash war "nur" vier Monate auf der Flucht und ist seit Dezember in der Elbestadt. Einen Deutschkurs haben sie in Schönebeck bereits abgeschlossen. Doch in der englischen Sprache fühlen sie sich sicherer.

Beide sind alleinstehend, bis auf einen Bruder von Akash haben sie keine Familie. Trotzdem wollen sie irgendwann zurück in ihr Heimatland. "Wenn die Situation besser, sicherer ist", sagt Renjith. Wann dieser Zeitenwandel eintritt, das vermögen sie nicht abzusehen. Mit einem Hoffnungsschimmer in den Augen sagt der 35-jährige Renjith: "Wenn das Glück auf unserer Seite ist..."

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