Mehr als eine halbe Million Euro hat der Braunschweiger Nikolaus Merkel in die Stadt Schönebeck investiert. Der Architekt kaufte vor gut 20 Jahren ein herrschaftliches Mehrfamilienhaus im Breiteweg. Heute und morgen sind die Türen des Hauses geöffnet.

Schönebeck l Manchmal ist der erste Eindruck dann doch nicht entscheidend. Als Architekt Nikolaus Merkel vor mehr als 25 Jahren das erste Mal aus Braunschweig nach Schönebeck kommt, will er eigentlich gleich wieder umdrehen. "Das war alles erschütternd, was ich hier gesehen und gerochen habe", erinnert sich der heute 67-Jährige. Gemeinsam mit seiner Frau macht er sich auf den langen Weg aus der Löwenstadt an die Elbe. Raus aus einer kleinen farbenfrohen Metropole, die edel und fein ist. "Aber schon die Einfahrt nach Schönebeck kostete uns Überwindung", so Merkel.

Doch er und seine Frau kehren nicht um und treten nicht die Flucht in Richtung Westen an. Sie haben ein Versprechen zu erfüllen, dessen Ursache so merkwürdig ist, dass man es kaum glauben mag.

Einige Wochen zuvor, die Mauer ist gerade gefallen, stürmt die halbe DDR in die Bundesrepublik, um nicht nur den "parasitären, faulen Kapitalismus" selbst einmal in Augenschein zu nehmen, sondern auch die gesetzlich zugesicherten 100 D-Mark abzuholen. Unter den Tausenden ist an diesem Tag auch Christian Jung mit seiner Frau, der in einer Postfiliale brav in der Schlange steht.

In jenem Moment ist auch Architekt Nikolaus Merkel in der Post und spricht Christian Jung an. Beide finden sofort einen Draht. Der Braunschweiger lädt den Schönebecker sofort zum Kaffeetrinken zu sich nach Hause ein, eine Freundschaft entsteht. Auch deshalb, weil, Christian Jung sich sehr für Architektur interessiert.

Zufällig getroffen und gefunden. Es kommt zum Gegenbesuch und damit zur Einlösung des Versprechens. Christian Jung kann den Architekten für Schönebeck begeistern. So sehr, dass Nikolaus Merkel in der Elbestadt erheblich investiert. Damals gib es noch die D-Mark und in der Altstadt von Schönebeck genügend bruchfällige Häuser, die wirken, als sei der Krieg gerade erst zu Ende gegangen. "Doch von Innen waren die Häuser ein wahrer Schatz", weiß der Braunschweiger zu berichten.

Merkel, von Natur aus ein forscher und mutiger Typ, kauft ein Eckhaus im Breiteweg, lässt es ausbauen und will ein Ärztehaus daraus machen. Parallel nimmt er an mehreren Wettbewerben in der Stadt teil, investiert also nicht nur Geld, sondern gerade in den Nachwendejahren viel Wissen. Auch bei der Stadtentwicklungsgesellschaft mischt Merkel mit und ist sogar Mitbegründer. Er ist gut in die alten Bundesländer vernetzt, kennt hier jemanden, und bringt von dort jemanden mit.

All die Jahre reißt der Kontakt zur Familie Jung nicht ab. Der Flussbereichsleiter, der früher einmal selbst Architekt werden wollte, und der Braunschweiger Architekt pflegen eine feste Freundschaft. Jung ist heute Stadtrat und in der Bürgerinitiative "Rettet die Altstadt". Beide tauschen sich regelmäßig über die Stadtentwicklung aus. Während Christian Jung oftmals mit Kritik nicht hinter dem Berg hält, sieht sein Freund Nikolaus Merkel auch die guten Entwicklungen. Erschüttert ist er nicht mehr, wenn er in die Stadt fährt, die sich inzwischen farbenfroh zeigt, wenngleich noch einiges zu tun ist.

Eines davon war sein Haus im Breiteweg 55, wo der Braunschweiger heute von 14 bis 17 Uhr und morgen von 10 bis 14 Uhr zum "Tag der offenen Tür" einlädt. In Anlehnung an die Hausnummer 55 biete er jetzt ein gemeinschaftliches Leben und Wohnen "55+" an - eine Art betreutes Wohnen mitten im Herzen der Stadt Schönebeck - gemeinsam mit dem Alten- und Behindertenhilfsdienst im Hintergrund.

Für die zweite Grundrenovierung des Hauses investiert Merkel 150000 Euro. Öffentliche Fördermittel nahm er nicht in Anspruch. Auch das ist Architekt Nikolaus Merkel - in allem frei und unabhängig.