Das Zinnfiguren-Diorama zum 500-jährigen Reformationsjubiläum soll am Mittwoch in Barbys Marienkirche aufgebaut und am Sonntag eröffnet werden. Die rund 760 Figuren wurden von dem Güntersberger Arnfried Müller entworfen, gegossen und bemalt. Peter Scheuch gestaltete die Hintergründe.

Güntersberge/Barby l Wer mit historischen Themen das Parkett der Öffentlichkeit betritt, erlebt zuweilen Überraschungen. So erging es Arnfried Müller mit der zinngewordenen Fluchtszene Katharina von Boras. Martin Luther hatte Ostern 1523 einen (Flucht-) Wagen zum Zisterzienserinnenkloster Marienthron bei Grimma geschickt, mit dem Katharina, sein späteres Eheweib, und einige Nonnen türmen sollten. Um das nächtliche Panorama ein wenig zu erhellen, setzte Illustrator Peter Scheuch einen strahlenden Vollmond ans Firmament. "Und stellen Sie sich mal vor: Ein Ausstellungsbesucher hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass Ostern 1523 kein Voll-, sondern Neumond herrschte", staunt Arnfried Müller über soviel Publikums-Akribie noch heute.

Diese Episode zeigt, dass die Dioramen-Schau sehr viel mehr als ein nettes Zinnfiguren-Panoptikum ist.

Doch das nur nebenbei.

Von der Walpurgisnacht bis zum Alten Fritz

"Nimm dir Zeit zum Arbeiten - es ist der Preis des Erfolges ... Nimm dir Zeit zum Spielen - es ist das Geheimnis der Jugend ..." Diese Worte eines alten irischen Gebetes hängen an der Wand von Arnfried Müllers kleiner Werkstatt in Güntersberge. In einer Glasvitrine spiegeln sich noch unfertige Zinnfiguren: historische Soldaten, beschürzte Großmütter oder grimmige Saurier. Ja, sogar Brockenhexen oder der einäugige Germanengott Odin haben hier ihren Platz. Hinter Pinseln, Farben und einer Tube Handcreme lugt Karl Marx hervor. Der Blick aus dem Fenster geht über den dunklen Harzwald, wo mehrmals täglich die Selketalbahn vorbeirumpelt. Man merkt es sofort: Die Werkstatt des gebürtigen Halberstädters ist sein Lebensmittelpunkt, wo er auch Inspiration empfängt.

Aber wie kam Müller zu dieser mittelalterlichen Kunstform, die Ende des 19. Jahrhundert fröhliche Urständ feierte?

Seine erste Zinnfigur goss der heute 77-Jährige vor fast 40 Jahren. Damals war er Offizier der Nationalen Volksarmee (NVA). Als 1990 viele Unteroffiziere und Offiziere der NVA nicht von der Bundeswehr übernommen wurden, gehörte auch Oberstleutnant Müller dazu. "Die Beschäftigung mit der Historie und meinen Zinnfiguren haben mir damals geholfen, dass ich nicht in ein schwarzes Loch fiel", gesteht er. Es ist bezeichnend, dass ihm bei Verarbeitung seines beruflichen Schicksals nun die kleinen Abbilder halfen: 1991 goss er den großen Wachaufzug der NVA ... und meldete zusammen mit seiner Ehefrau Irmgard ein Gewerbe an. Arnfried Müller, ein freundlicher und offener Mensch, der aus seiner Biografie keinen Hehl macht. In den Jahren folgten Serien zur napoleonischen und friderizianischen Zeit, die sich gut verkauften. Oder Großfiguren mit lokalem Anspruch, die Halberstädter Persönlichkeiten zeigten. Für Thale schuf er ein Diorama zur Walpurgisnacht. Heute findet man in den Harzer Tourismusinformationen auch Stocknägel oder besenreitende Hexen als Kettenanhänger, die aus Güntersberge stammen.

"Ich war damals maßlos enttäuscht"

Doch mit der Serie zur Reformation wurde Arnfried Müller am populärsten. "Als ich 2007 von der Lutherdekade hörte, haben wir nachgesehen, welche Figuren wir dazu haben", erinnert er sich. Von diesem historischen Thema fasziniert, entschlossen sich Irmgard und Arnfried Müller, eine Serie aufzulegen. Doch wohin damit?

Mit großer Begeisterung im Herzen und bereits vielen Figuren im Schrank nahm Müller Kontakt zum Leiter der Lutherdekade auf. Doch der habe wenig Interesse gezeigt, die Reformation in Zinn zu gießen. "Ich war damals maßlos enttäuscht", gesteht Müller.

Kurze Zeit später, zu seinem 70. Geburtstag, zählten zur Gästeschar auch Vertreter des Halberstädter Museums und des Geschichtsvereins. Wie es so ist im Hause Müller, dauerte es nicht lange und man sprach über das Thema Nummer 1: Zinnfiguren. "Danach passierte eine Woche lang nichts. Doch dann bekam ich plötzlich einen Anruf aus dem Museum", sagt der 77-Jährige und strahlt noch heute. "Können Sie sich vorstellen, die Reformation in großer Auflage zu gestalten?" Arnfried Müller konnte! Und tat es.

Szenenbilder, die Geschichten erzählen

In der Folge schuf er 760 Zinnfiguren aus der Zeit Martin Luthers. Es sind keine selbstverliebten Einzelstücke, sondern Szenenbilder, die Geschichten erzählen. "Luthers Hochzeit", "Der Ablasshandel" und der "Thesenanschlag" sind nur drei Beispiele. Der Wahl-Güntersberger entwarf, goss und bemalte sie. Die Formen aus Blauschiefer wurden von einem Graveur gefertigt.

Die Dioramen-Schau tourt seit der Eröffnung im Landtag 2012 mit großem Erfolg durch Deutschland. Ab kommendem Sonntag wird sie für drei Wochen in Barby Station machen. Am Sonntag, 14 Uhr, wird Superintendent Matthias Porzelle die Ausstellung eröffnen, die auch Schulen zu empfehlen ist.

Irmgard und Arnfried Müller wären dazu auch gerne an die Elbe gekommen. Doch sie sind schon wieder in Sachen Zinn unterwegs. In Molmerswende ist Kunstmarkt. Sage noch einer, Zinnfiguren seien nur Kinderspielzeug ...

Marienkirche, 29. März bis 19. April, Montag bis Freitag: 16 bis 18 Uhr, an Wochenenden und Feiertagen 14 bis 18 Uhr. Gruppen außerhalb dieser Zeiten nach Vereinbarung (03 92 98) 33 16

   

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