Barby l "Es ist gut, dass wir trotz des nahenden Jubiläums und trotz der dankbaren Erinnerungen dessen, was da vor 500 Jahren geschehen ist, den Blick auf die Personen ganz wach halten und nicht verklären", sagte Superintendent Matthias Porzelle zur Ausstellungseröffnung. Dies sei nämlich bei vorherigen Reformationsjubiläen ausnahmslos so geschehen. Mit einem Rückblick auf die Wiederkehr des Gedenktages macht es der Eickendorfer deutlich: 1617 wurden die konfessionellen Unterschiede Protestantismus gegen Katholizismus untermauert, 1717 konvertierte der sächsische Kurprinz Friedrich August zum katholischen Glauben, 1817 musste Luther nach den Napoleonischen Kriegen als großer Heros für die Einheit des Landes her halten. "Schließlich hatte er doch die einheitliche deutsche Sprache geschaffen", erklärte der Superintendent.

1917 waren Deutschland und viele andere Länder der Welt mitten im Krieg. Auch da sei Luther vereinnahmt und als Held verklärt worden, obwohl es kritische Stimmen gab, die das hinterfragten. "Ich sage das an dieser Stelle so deutlich, weil ich glaube, dass wir heute in keiner anderen Gefahr sind", unterstrich Porzelle. In medienorientierter Zeit brauche man ein Gesicht, um wahr genommen zu werden. "Da ist es für die katholische Kirche leichter: die hat den Papst", sagte der Chef des Kirchenkreises. Die evangelische Kirche hätte nun in Luther die Verkörperung des Protestantismus für sich gefunden. Dies sei eine der Gefahren, Luther für sich zu vereinnahmen und ihn wieder zu einem Helden zu machen, der er nie sein wollte. Damit müssten auch "unschöne Züge an seinen Leben" gerechtfertigt werden. "Der große Held hat auch ein paar Kratzer: Was er am Ende seines Lebens zu den Juden gesagt hat, war nicht so toll", führte Porzelle als Beispiel an.

Bereits Luther habe die Hybris des Menschen, damit auch sich selbst, klar benannt und immer wieder betont, dass der Mensch sich gern an Gottes Stelle setzen würde. "Der alte Adam - der Inbegriff für die Sünde - muss jeden Tag aufs Neue ersäuft werden, denn dieser Hund kann schwimmen", untersetzte Superintendent Porzelle mit einem typischen Luther-Zitat.

760 Zinnfiguren

Die 760 Zinnfiguren des Güntersbergers Arnfried Müller (die Volksstimme berichtete) stellen Reformationsszenen vor gemalten Hintergründen dar. Das Städtische Museum Halberstadt hatte die Ausstellung auf 27 Tafeln mit Text, Bild und Zinnfigurendioramen zusammengestellt, die anschaulich das Leben Martin Luthers, die Geschehnisse jener Zeit und die Hintergründe der Reformation beleuchten. Um die Schau hatten sich besonders die beiden Kirchenratsmitglieder Birgit Neugebauer und Manuela Krüger bemüht, die auch die täglichen Öffnungszeiten mit Helfern absichern. Die Ausstellung diene nicht zuletzt der Allgemeinbildung und sei auch Schulen empfohlen. So sieht es auch das Calbenser Schillergymnasium, dessen Religionskurs am 10. und 17. April die Marienkirche besuchen will.

Montag bis Freitag: 16 bis 18 Uhr, Wochenende und Feiertag: 14 bis 18 Uhr. Gruppen außerhalb dieser Zeiten nach Vereinbarung (03 92 98) 33 16