Gnadau l "Mit denen habe ich nicht so gute Erfahrungen gemacht", zeigt der 63-Jährige auf die Sorte Yellow Stuffer, eine propere gelbe Tomatenpaprika, die eher zum Füllen geeignet ist. "Dafür sind die klasse", hebt Blüthmann ein Prospekt hoch, auf dem die Sorte "Gelbe Dattel Orange" zu sehen ist.

Statt Nippes Samentüten

Das Papier dient allerdings nur der Information. Denn Samen kauft der Gnadauer schon lange nicht mehr im Laden. Er gewinnt sie aus Früchten des Vorjahres oder bekommt sie geschenkt. Wenn bei anderen Leuten die Urlaubsmitbringsel aus nutzlosem Nippes bestehen, bekommt Siegfried Blüthmann Tomatensamen. "Mein Bruder hat im vergangenen Jahr acht Sorten aus Rumänien, meine Schwester welche aus dem Kosovo mitgebracht", freut sich der ehemalige Hausmeister der Gnadauer Anstalten.

Anfang März wird er unruhig. Die Werkstatt wird vom Bastelmodus auf Gärtnereibetrieb umgestellt. Zahllose Plastikschalen kramt der 63-Jährige hervor, schlitzt Blumenerdesäcke auf, bringt Pflanztöpfe in Position. "Die Samen kommen zwischen dem 10. und 18. März in den Boden", sagt Siegfried Blüthmann, als spreche er von so unausweichlichen Terminen wie Weihnachten oder Frühlingsanfang. Bei dieser Fleißarbeit hilft ihm sein Feuerwehr-Kumpel Helmut Rößler, der dafür ein paar Monate später mit "Deputat" belohnt wird. Siegfried Blüthmann war jahrelang Ortswehrleiter von Gnadau.

Rund 400 Tomatenpflanzen sprießen in den kommenden Wochen in 34 Sorten heran. Dafür hat sich der Gnadauer ein kleines Gewächshaus gebaut, das tagsüber geöffnet wird. "Die zarten Pflanzen müssen abgehärtet werden", beschreibt Blüthmann diesen Prozess. Man sehe es an der Farbe des Stiels, ob sie es sind oder nicht. Der wird im Zuge der Abhärtung leicht lila. Was gut ist, wenn die Tomaten ab Mitte Mai aus der Käseglocke ins wahre Freilandleben entlassen werden und kühle Nächte überstehen müssen. "Achte mal drauf: Wenn du die im Baumarkt kaufst, ist der Stiel oft quittegrün", hebt Siegfried Blüthmann den Finger. Damit sind die Weicheier, pardon, die nicht abgehärteten Tomaten gemeint.

Aber was um alles in der Welt macht man mit zentnerweise gelben, orangen, grünen, roten oder gestreifte Tomaten, die rund, eiförmig, gerippt, spitz, flaschen- oder birnenförmig an der Pflanze baumeln? "Die verwerten wir selbst, einen Großteil verschenke ich", lächelt Blüthmann, der vor über 30 Jahren von der Prignitz nach Gnadau kam. So kommt es vor, dass ein Beutelchen Tomaten schon mal an den Klinken der Heimbewohner hängt oder Freunde, Verwandte und Bekannte damit versorgt werden.

Blüthmann geht es nicht in erster Linie um den Verzehr. Viel spannender sei es, neue Sorten auszuprobieren und sie wachsen zu sehen. Und die sind garantiert Bio. "Was es manchmal so im Winter in den Supermärkten zu kaufen gibt, ist nun wirklich nicht das Wahre", verzieht der Gnadauer das Gesicht. Die seien ohne Geschmack und wässerig. Vor allem Hollands Tomaten würden immer praller, immer größer - und immer geschmackloser. Sie wüchsen ohne Erde, lebten von Fischwasser und atmeten Industriegase. Er bevorzuge am ehesten die Stabtomaten eines bestimmten Supermarkts, räumt der Gnadauer Tomaten-Papst ein.

Herausforderung Tomoffel

Jeder Deutsche verzehrt im Schnitt 26 Kilogramm Tomaten pro Jahr - mehr als jedes andere Gemüse. Aber es ist nicht nur der Geschmack der Paradiesäpfel, der begeistert, sie gelten auch als besonders gesund, unterstreicht Blüthmann.

Damit ihm in der Züchter-Zukunft nicht langweilig wird, hier ein Tipp: Vielleicht widmet sich der Gnadauer mit dem grünen Daumen und dem verheißungsvollen Familiennamen demnächst einem Kuriosum: der Tomoffel. Sie ist oben Tomate, unten Kartoffel. Eine britische Gartenbau-Firma züchtet die Pflanze bereits in großem Stil. Die Kreuzung ist weder Genmanipulation noch Aprilscherz. Jeder Hobbygärtner könne sich, mit etwas Geschick, eine eigene Tomoffel züchten.

Also: Es gibt noch viel zu tun, für den fitten Rentner.

 

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