Am Barbyer Kirchplatz wird ein Haus mit altersgerechten Wohnungen gebaut. Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Halle suchen in der Baugrube nach Spuren früherer Besiedlung.

Barby l "Sehen Sie", deutet Grabungstechnikerin Ulrike Grebstein auf die Ostwand in der Baugrube, "hier sieht man deutlich eine mittelalterliche Schicht." Dieser "Zeithorizont", wie die Archäologen sagen, liegt zwischen 1,40 Meter und 1,80 Meter unter der Straßenoberfläche. Diese Schicht ist kein gewachsener Boden, sondern wurde von Menschen aufgeschüttet.

Tiefschwarze Scherben

Gleich an ihrem ersten Arbeitstag fand Ulrike Grebstein darin die Scherben eines Tongefäßes. Der Boden hatte sie tiefschwarz gefärbt - sie werden erst nach dem Waschen ihre Farbe und eventuelle Verzierungen freigeben. Auch jede Menge Knochenfragmente stecken verstreut im Boden. "Sind aber alles Speisereste", nimmt die Grabungstechnikerin ein paar Männern die Illusion, die von oben in die Grube gucken. Hier, in der Kirchgasse/Ecke Kirchplatz, versammeln sich immer wieder Neugierige am Bauzaun.

Menschliche Überreste sind es nicht. Obwohl der mittelalterliche Kirchhof keine hundert Meter entfernt ist. Es war der erste Barbyer Friedhof, der aber schon im 14. Jahrhundert außerhalb der Stadtmauern verlegt wurde, da er wegen wiederholter Pestepidemien zu klein geworden war. (Unter den Grünflächen zwischen Magdeburger Straße und Marienkirche befinden sich Generationen von Gräbern aus jener Zeit.)

Großer Stadtbrand von 1798

Ein paar Meter weiter kristallisiert sich eine Abfall- oder Vorratsgrube heraus. Sie ist für Archäologen besonders interessant. Gruben dienten der Aufbewahrung von Vorräten, während der natürlichen Verfüllung gelangte auch zufällig Abfall dort hinein. So bargen 2003 Archäologen über 160 Silbermünzen in der Abfallgrube des einstigen Elternhauses von Martin Luther (1483-1546) in der Stadt Mansfeld. Dieser Fund gibt bis heute Rätsel auf.

Aus der Mittelalterschicht löst Ulrike Grebstein auch einige verkohlte Holzstücke. "Eine Brandschicht ist das aber nicht, dazu liegen sie zu verstreut", sagt sie. Anders wäre es, wenn sie zwei, drei Spatenstiche unter dem Gehweg-Niveau so etwas gefunden hätte. Das würde zum großen Stadtbrand von 1798 passen, den das Ehepaar Grimm verursachte, das 1800 auf dem Schafott endete. Am 29. August 1798 legte das Feuer über 150 Gebäude der Innenstadt in Schutt und Asche. Der Bereich nordöstlich der Kirche scheint davon nicht betroffen gewesen zu sein. Man würde Spuren finden.

Der mittelalterliche Zeithorizont beginnt, wie oben beschrieben, ab 1,40 Meter in der Tiefe. Was etwa dem Stadtniveau des 13., 14. Jahrhunderts entspricht. Damals baute man auch die ersten Gebäude aus Stein. So wurden die frühgotischen Kirchen St. Marien und St. Johannis in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtet. Während man den Fußboden von St. Johannis im 19. Jahrhundert auf heutiges Niveau aufschüttete, zeigt St. Marien noch frühgotisches Gründungsniveau. Das liegt einen knappen Meter tiefer als heute, mehrere Stufen führen in die Kirche hinab. Soll heißen: Die Elbestadt "wuchs" in den Jahrhunderten deutlich. Wenn Häuser abgerissen wurden (oder ein Brand sie vernichtete), planierte man den Schutt und baute darauf. So wird es auch am Kirchplatz gewesen sein.

Hier stand ein Haus, dessen 80 Zentimeter starke Fundamente vermutlich aus dem späten Mittelalter stammen. Tiefbauer Peter Netzeband hatte mit seinem Bagger schon leichtere Aufgaben, als hier eine Baugrube auszuheben. Die Fundamente müssen aufwändig zertrümmert werden, so massiv sind sie. "Ursprünglich waren hier Streifenfundamente für den Neubau geplant", sagt Netzeband. Der Statiker hatte dann aber entschieden, "dass alles raus" und neu aufgebaut werden muss. Mit so massiver Qualitätsarbeit der Vorfahren hatte er nicht gerechnet.

Wenn die Archäologen fertig sind, wird die Baugrube mit Kies verfüllt, verdichtet und darauf Fundamente betoniert. Entstehen sollen laut Peter Netzeband neun altersgerechte Wohnungen, die per Fahrstuhl erreichbar sind.

Zaungucker ...

Bis dahin wird Ulrike Grebstein noch nach Spuren der alten Barbyer suchen. Was noch einige Tage dauern wird.

Beobachtung am Rande. Einer der neugierigen Zaun-Kiebitze sagte Donnerstag zu seinem Nebenmann: "Wenn hier jemand eine Würstchenbude aufbaut, macht er ein gutes Geschäft ..."

Was uns zeigt, dass tiefe Baugruben und grabende Archäologen noch immer von großem Interesse sind.

   

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