Generalmusikdirektor Christian Simonis, von 2005 bis 2013 Chefdirigent der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie Schönebeck, ist neuer Chefdirigent und Künstlerischer Leiter der Bad Reichenhaller Philharmonie. Der 58-Jährige übernimmt das Amt im Juli nach einer eineinhalbjährigen freischaffenden Tätigkeit. Mit Christian Simonis sprach Volksstimme-Redakteur Daniel Wrüske.

Volksstimme: Lieber Herr Simonis, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur neuen Aufgabe. Sie kennen die Bad Reichenhaller Philharmoniker sehr gut, sind dort von 1985, damals mit gerade einmal 29 Jahren, bis 1990 schon einmal Chefdirigent gewesen und waren dort im vergangenen Jahr wieder Gast am Pult. Ist die Berufung jetzt wie die Rückkehr zu einer alten Liebe?

Christian Simonis: Nein, als Rückkehr würde ich es nicht bezeichnen. Vielmehr begegnen wir - das Orchester und ich - uns neu. Ich bin seit fast 25 Jahren nicht mehr dort gewesen. In dieser Zeit haben beide Seiten eine individuelle Entwicklung genommen. Von den 39 Mitgliedern des Orchesters spielen heute noch neun Instrumentalisten, die schon in den 1980er Jahren dabei gewesen sind. Im Orchester musizieren also eine große Zahl neuer Persönlichkeiten.

Volksstimme: Das muss das Orchester genauso sehen, denn nach jüngsten Gastspielen sind Sie aus den Reihen der Musiker ins Gespräch um die Nachfolge von Professor Christoph Adt als Chef gebracht worden.

Christian Simonis: Ja, man hat mich gefragt, ob ich die Aufgabe übernehmen würde. Das Orchester hat dies mit überwältigender Mehrheit befürwortet. Ich freue mich sehr darüber, denn das ist die schönste Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit.

Allerdings hat die Anfrage auch Ihre eigenen Pläne ein wenig durchkreuzt. Nach den gut acht Jahren bei der Schönebecker Kammerphilharmonie haben Sie zunächst kein festes Engagement mehr angenommen, sondern sind in die freischaffende Tätigkeit gegangen und waren als Gast bei verschiedenen Ensembles. Jetzt lassen Sie sich wieder verpflichten.

Ich bin Christ und der Satz, Gottes Wege sind oft anders, als man selber meint, ist keine Floskel für mich. Es sind die besseren Wege, die einem so gezeigt werden. Im Fall von Bad Reichenhall fällt es leicht den Weg zu gehen. Wissen Sie: Es passt einfach!

Musiker, Zuhörer, Konzerträume, Reihen - Sie wissen um den "Kulturbetrieb" Bad Reichenhaller Philharmonie. Was hat Sie besonders gereizt, die Wahl der Philharmoniker anzunehmen?

Da ist zuallererst die Bandbreite zu nennen, von der meine Arbeit bestimmt sein wird und die das Orchester in hervorragender Weise umsetzt. Es gibt die Kurkonzerte, in denen programmatisch ein großes Repertoire erschlossen wird von Beethovens Egmont-Ouvertüre bis zu Walzer und Polkas. Mir gefällt sehr, dass die heitere Muse in Bad Reichenhall einen so fixen Platz hat und ernsthaft musiziert wird. Ich bin, das ist kein Geheimnis, ein großer Freund dieser Musik. Die Musik ist spannend und hörenswert und sie hat ihre Zuhörer. Nicht umsonst sind in Schönebeck der Operettensommer oder auch die Abonnement-Reihe "Heitere Muse" Publikumslieblinge. Es gibt aber in der Saison auch die Philharmonischen Konzerte, vergleichbar mit der Klassik-Anrechtsreihe in Schönebeck, und dazu etwa 20 Sinfonische Abendkonzerte. Dazu Sonderkonzerte - ein Mozart-Festival im März, Open-Airs oder die Johann-Strauß-Tage im September. Diese musikalische Vielfalt liebe ich.

Für den Musiker Christian Simonis ein "leichtes Ja", für den Menschen Christian Simonis ein weitaus schwieriger Abwägungsprozess? Sie haben Ihr persönliches Glück gefunden und fühlen sich in Magdeburg - 665 Kilometer von Bad Reichenhall entfernt - angekommen und sesshaft! Auf der einen Seite die kulturell vielleicht etwas spröde Landeshauptstadt, auf der anderen Seite der Kurort im Bayerischen - nur drei Autostunden von Wien, Ihrem Geburtsort, entfernt.

Christian Simonis (lächelt): Ja, die Nähe empfinde ich als sehr schön. Auch die Berge in Bad Reichenhall, die in großer Anzahl erklommen werden wollen. Das Orchester ist ein großer Anziehungspunkt, weshalb Jahr für Jahr Kurgäste und Urlauber nach Bad Reichenhall kommen. Die Bad Reichenhaller Philharmonie trägt neben der Kur entscheidend zum Flair der Stadt bei.

Dr. Wilhelm Barth, einer meiner Vorgänger, war 35 Jahre lang Chef der Philharmonie. Er hat das Orchester etabliert. Seiner Konsequenz ist es zu verdanken, dass es dieses Interesse an dem Orchester gibt. Die Bad Reichenhaller Philharmonie widmet sich auch der Förderung junger Künstler. Es gibt Kooperationen mit den Dirigierklassen der Musikhochschulen in München, Nürnberg und Salzburg. Die Professoren kommen mit den Studenten nach Bad Reichenhall zum Orchester.

Persönlich fühle ich mich wohl in Magdeburg. Meine Lebensgefährtin und ich haben nach dem Angebot aus Bad Reichenhall gemeinsam beratschlagt. Ist es das Richtige? Ja ist es!

Und fühlen Sie sich zunächst allein?

Nein, ganz und gar nicht. Es bestehen noch enge Freundschaften in der näheren und weiteren Region. Bekannte, die sich über mein Kommen freuen. Die Stadt ist zudem freundlich überschaubar und es herrscht eine große Nähe zum Publikum.

Was haben Sie aus der freischaffenden Tätigkeit mitgenommen? Was hilft Ihnen jetzt vielleicht bei der Herangehensweise als Chef?

Die Zeit war Gold. Ich habe wieder Zeit gehabt, neue Musik kennen zu lernen, Zeit gehabt, zu lesen. Und sehr wertvoll für mich: Ich bin in dieser Zeit Großvater geworden und wir konnten gemeinsam den 90. Geburtstag meiner Mutter feiern. Ich habe Zeit für Menschen gehabt. Das war schön.

Volksstimme: Die Spielzeit in Bad Reichenhall geht von Dezember bis November, die aktuelle steht also. Wie sieht Ihre Vorbereitung aus?

Ich mache mir schon Gedanken über zukünftige Programme. Aber das Gestalten der Konzerte ist prozesshaft zu verstehen, ist ein Akt des Einfühlens. Die Programme müssen zu den Musikern, zu dem jeweiligen Publikum und dem jeweiligen Ort passen. Die Herausforderung für mich ist jetzt, dafür die richtigen Proportionen zu finden, und eben nicht Schablonen aus früheren Zeiten zu übernehmen.

Mein Vertrag geht bis zum 30. November 2018. Ich freue mich, dass ich 2018 die Feier zum 150jährigen Bestehen der Bad Reichenhaller Philharmonie mitgestalten werde. Auch hierfür bedarf es rechtzeitiger und akribischer Vorbereitung.

Mit persönlichem Interesse, aber der Ihnen eigenen respektierenden Distanz verfolgen Sie noch, was in Schönebeck mit dem Orchester passiert. Finden Sie Verbindungen zwischen Ihrem einstigen und Ihrem zukünftigen Wirkungsort?

In Schönebeck haben wir unter anderem die Musik von Josef Gung`l gepflegt. Er hat 1868 das Orchester in Bad Reichenhall gegründet. Nach Bayern nehme ich jetzt Musik aus Mitteldeutschland mit, die wir in Schönebeck gespielt haben: zum Beispiel die Musik von Richard Eilenberg (1848 in Merseburg geboren) oder Ernst Fischer (1900 in Magdeburg geboren). Wunderbare Verbindungen, über die sich interessierte Musikliebhaber freuen können.