Seit Juni vergangenen Jahres ist Gundhelm Franke Bürgermeister im Schönebecker Ortsteil Pretzien. Pläne für die Entwicklung Pretziens hat er zahllose. Die Schlüsse aus dem Flächennutzungsplan sind ihm ein Dorn im Auge.

Pretzien l "Der durchnittliche Pretziener ist bodenständig und heimatverbunden", sagt Gundhelm Franke. Franke (52) ist seit Juni vergangenen Jahres Ortsbürgermeister des 900-Seelen-Ortsteils von Schönebeck. Er weiß, wie die Ostelbier ticken, er ist hier geboren. "Die meisten Einwohner wollen hier nicht weg. Das spricht doch für sich", sagt der 51-Jährige. Wenn Franke auf seinem Grundstück steht und über seine Heimatverbundenheit spricht, muss man ihm Glauben schenken.

Idyllisch an der alten Elbe ist sein Haus gelegen. Obstbäume säumen den großen Garten. Es scheint so, als habe der Ortsbürgermeister sein persönliches Fleckchen Erde gefunden. Die Nähe zur Natur ist Segen und Fluch zugleich und erinnert den Diplomingenieur für Energie- und Verfahrenstechnik im selben Augenblick an die zentralen Themen, die er als Ortsbürgermeister auf der Agenda hat: Den Hochwasserschutz und die Grundwasserproblematik. Am eigenen Leib hat er erfahren müssen, wie seine Garage und der Keller bei den letzten Elbe-Hochwassern 2002 und 2013 unter Wasser gestanden hatten.

Neben Problemen aufgrund der exponierten Lage Pretziens an der Elbe ist der Flächennutzungsplan eines der politischen Hauptthemen. Pretzien hat seit der Eingemeindung keinen eigenen Haushalt mehr. "Früher haben wir den Flächennutzungsplan für Pretzien so entschieden, wie wir wollten", erinnert sich Franke. Das bekannte Problem: Nach der Wende hat sich die Einwohnerzahl in Ostelbien, speziell im Pretzien, enorm erhöht (von 650 auf etwa 950 Einwohner). In Schönebeck sind die Einwohnerzahlen rückläufig.

Schlüsse aus dem Flächennutzungsplan

"Die Analyse aus dieser Entwicklung ist ja von Schönebecker Seite richtig", bekräftigt Gundhelm Franke. "Nur werden daraus unterschiedliche Schlüsse gezogen." So stagniere der Bedarf in Pretzien erst seit kurzem. Für die Zukunft erwartet Franke, dass sich dieser Trend erneut umkehrt. Dass für Pretzien nun keine Wohnbauflächen ausgewiesen werden, hält Franke für falsch. "Wir müssen damit leben", sagt der gelernte Heizungsmonteur. "Wir sind nun mal eingemeindet. Aufgeben werden wir aber nicht. Noch sind wir Ortschaft, wir sind etwas abgekoppelt von Schönebeck. Frohse oder etwa Felgeleben haben eine Bebauung, die sie an Schönebeck bindet. Wir haben eine Sonderstellung."

Franke hat eine besondere Verbindung zu Pretzien, ist über Generationen dort verwurzelt. Frankes Vater starb als er zehn war, seine Mutter war Grundschullehrerin und als Bäckertochter eine Institution im Ort. "Alle wussten, bei Frankes gibt es immer ein Stück Kuchen", so der 52-Jährige.

In seinem alten Elternhaus nebenan wohnt seine 27-jährige Tochter mit Familie, seit einigen Wochen ist Franke Großvater. Ehefrau Silvia Franke ist in Schönebeck ebenfalls keine Unbekannte, sie ist Sachgebietsleiterin Straßenverkehr in der Elbestadt. Beide suchen den Ausgleich zum stressigen Alltag gern in der Natur.

Sie besitzen ein kleines Kajütenboot. Wenn der Ortsbürgermeister zum Familienausflug ruft, wird der Picknickkorb gepackt und dann "geht`s auf der Elbe nach Barby oder nach Breitenhagen". Gerade die alte Elbe sei sehr schön, so Franke. Wo wir beim nächsten politischen Thema wären - der Naherholung. In den letzten Jahren wurde mit Leadermitteln investiert. Trotzdem sind die Zeltplätze, die von der Elbauen-Gesellschaft betrieben werden, nicht konkurrenzfähig. Keine Gastronomie, keinen Kiosk gebe es. Das Service-Angebot sei etwas für die Dauercamper. "Die sind es nicht anders gewöhnt", sagt der Ortsbürgermeister mit einem Augenzwinkern.

Er kann nur den Kopf schütteln, wenn er daran denkt, dass man beim Betreten des Platzes zunächst nach einem Platzwart fahnden müsse. "Das kann so nicht sein. Aus dem Standortvorteil müsste man viel mehr machen", so Franke. "Wir müssen uns verkleinern, zentralisieren, momentan ist das praktisch Wildzelten." Der Fokus liegt im Moment auf dem maroden Campingplatz "Steinhafen" in Pretzien.

Potenzial der Elbe weiter nutzen

Pläne existieren bereits, es werde allerdings noch daran gearbeitet, so Franke. Ziel ist es natürlich, das Potenzial, das die Elbe für die Region besitzt, weiter zu entwickeln. Es gebe "kaum einen Ort dessen Stadtzentrum näher an der Elbe liegt als Schönebeck. Barby, Breitenhagen, Aken - wer hat schon so glänzende Aussichten wie wir?"

Auch deshalb plädiert Franke dafür, am Salinekanal aktiv zu werden und dort Bootsanleger zu installieren. "Der Elbe-Saale-Winkel - genau das ist unser Alleinstellungsmerkmal", so Franke. Wenn es wärmer wird und der Wasserpegel stimmt, werden sie wieder in Heerscharen kommen, große Boote aus Magdeburg, Wakeboarder und sonstige Ausflügler. Dass jene dann auch im Steinhafen ankommen, daran muss man arbeiten, so Franke.

Ziele hat der 52-Jährige noch zuhauf. Und es hört sich nicht pathetisch an, wenn er behauptet: "Ich möchte das Dorf weiterentwickeln." Pretzien habe sich im Gegensatz zu anderen Ortschaften wie Plötzky etwas mehr geöffnet. "Das könnte unser Vorteil sein", so Franke.

Stolz ist er auf die Infrastruktur. Und dann gibt Franke gleich noch ein mittleres Bewerbungsschreiben mit den Vorzügen von Pretzien ab. Es gebe einen Einkaufsmarkt, eine niedergelassene Allgemeinmedizinerin, eine Zahnärztin, die neugebaute Physiotherapeutenpraxis, über 50 Gewerbeanmeldungen, vom Versicherungsvertreter über Straßen- und Tiefbau Grüning und die Jagdschule bis hin zum kleinen Hausmeisterservice. "Eine gesunde Mischung" sieht Franke da wachsen.

Apropos, die Erkenntnis, dass Politik mittlerweile nur noch im Schulterschluss mit Schönebeck zu betreiben ist, habe sich selbstverständlich auch bei ihm eingestellt. Neben seiner politischen Arbeit geht Franke natürlich einem Hauptberuf nach. Er arbeitet seit Jahren in Staßfurt und Aschersleben für das Ameos-Klinikum. Und hat dort eine beachtliche Karriere hingelegt: Aus dem einstigen Betriebshandwerker ist nach dem Fachhochschulabschluss inzwischen der Leiter der Betriebstechnik geworden. Unterdessen wird der unter dem Tisch liegende Bordercollie Simba unruhig. Franke zieht sich die Multifunktionsjacke an, setzt ein Mütze auf und greift nach der Hundeleine. Zeit für die tägliche Gassi-Runde bis zum Wehr. Wie gesagt, ein besonderes Verhältnis zur Heimat und zur Natur haben sie, die Pretziener.