Der nächste Schönebecker Operettensommer steht vor der Tür. Vom 27. Juni bis 26. Juli wird auf dem Bierer Berg bei Schönebeck das Stück "Im weißen Rössl" gegeben. Mit Katharina Kutil, der neuen Regisseurin und Nachfolgerin von Thomas Enzinger, sprach Volksstimme-Redakteur Ulrich Meinhard.

Volksstimme: Welches Team wird auf dem Bierer Berg spielen?

Katharina Kutil: Viele Mitwirkende aus dem Ensemble von 2014 werden wieder auf der Freilichtbühne auf dem Bierer Berg stehen. Darüber freue ich mich sehr, denn das sind super gute Leute. Für das Tanz-ensemble waren Anfang Februar noch Stellen frei. Leute zu finden, die tanzen, singen und spielen können, was wir ja gerne alles zusammen möchten, ist nicht so einfach.

Wann haben die Proben begonnen?

Anfang April ging das Textbuch raus. Die Darsteller müssen sich ja vorbereiten können. Sie müssen textlich alles drauf haben, müssen auch die Linien verstehen, also den Ablauf der Handlung. Gerard Oskamp legt dann nur noch den Feinschliff an. Der zweite Dirigent Sung-Joon Kwon hat dann für unsere Musical-Darsteller die Musik eingespielt. Sie sind es gewohnt, ihre Rolle der Musik zu entnehmen. Dies ist eine andere Arbeitsweise, als Sänger mit klassischer Ausbildung sie haben. Sie bekommen in der Regel die Noten und lernen es "vom Blatt".

Am 28. Mai werden für drei Tage die Proben mit der Company beginnen, das sind die Tänzer. Am 1. Juni reisen die Solisten an. Dann beginnt auch für sie die Probenarbeit. Ein erster Aspekt für uns wird sein, wie wir die Charaktere in der Handlung auftreten lassen wollen und wie sich die Darsteller szenisch einbringen. Auch für die Sänger sind Tanzeinlagen vorgesehen. Das vor allem müssen sie einüben, denn ein Sänger verfügt ja nicht automatisch über eine Tanzausbildung.

Ab 3. Juni geht es dann so richtig los mit den Proben! Wenn man bedenkt, dass bereits am 27. Juni die Premiere ist, ist das alles in allem eine kurze Probenzeit für eine solche Produktion. Aber das kennen wir hier ja schon (lacht).

Sie selbst übernehmen auch eine Rolle?

Ja. Und zwar die des Berliner Fabrikanten Wilhelm Giesecke, aus dem wird also eine Frau: Wilhelmine Giesecke. Meine große persönliche Herausforderung ist das Einstudieren eines Schuhplattlers. Da werde ich wohl heimlich viel üben müssen. Ich werde viel Spaß mit dem Choreografen haben - er wohl eher weniger mit mir...

Maßgeblich geprägt sind die Schönebecker Operettensommer von Ihrem Vorgänger, von Thomas Enzinger. Werden sie alles neu machen?

Ganz neu nicht. Es ist aber immerhin mein zehnter Operettensommer, bei dem ich dabei bin, früher als Regieassistentin, jetzt erstmals als Regisseurin. Sicher wird es einige Neuerungen geben, weil ich anders arbeite als Enzinger. Es wird meine Handschrift zu erkennen sein. Und das soll ja auch den Charme ausmachen. Thomas Enzinger hat hier eine gute Arbeit geliefert, sonst hätte er auch nicht 18 Jahre lang inszeniert.

Ich denke, ich weiß, was die Leute hier erwarten. Ich werde mich auf jeden Fall am Original des Stückes orientieren. Sonst braucht man keine Operette zu machen. Ich freue mich riesig drauf: auf diesen Sommer, auf das Team, auf das Publikum. Es ist für mich eine Ehre, ein Glücksfall, dass mir diese Aufgabe übertragen worden ist. Gerade auch deshalb, weil Enzinger so gute Arbeit geleistet hat.

Relativ neu ist mit Gerard Oskamp auch der musikalische Leiter. Was macht er anders als sein Vorgänger Christian Simonis?

Oskamp bringt einen anderen Drive ein, alles ist schneller. Das "Rössl" hat durchaus den Charme eines Heimatfilms, dann aber fetzt es auch richtig rein, hat unglaublichen Schwung und reißt einen sofort mit.

Haben Sie das Werk für SOS 2015 bereits aussuchen können?

Nein, die Entscheidung fiel im vergangenen Jahr in der Chefriege. Zu der gehört eine Regieassistentin nicht dazu. Die hält ihrem Regisseur die Treue.

Sind Sie zufrieden mit der Wahl des "Weißen Rössl´s"?

Ja sehr. Ich bin fast in Ohnmacht gefallen, als man mich gefragt hat, ob ich die Regie übernehmen will. Es ist meine Lieblingsoperette, das ist wirklich wahr. Ein solches Angebot hatte ich nicht auf dem Schirm. Da habe ich sofort ja gesagt. Was denn sonst. Ich hätte das Rössl auch inszeniert, wenn ich die Wahl hätte selbst treffen können oder wenn ich an einem anderen Ort die Gelegenheit dazu gehabt hätte.

Was machen Sie, wenn sie nicht gerade Regie führen auf dem Bierer Berg?

Ich habe angefangen, ein neues Buch zu schreiben. Außerdem bin ich bei Inszenierungen in Wien dabei, einer Comedia dell`arte, die im Herbst Premiere hat. Ich habe das große Glück, im Leben die Dinge machen zu können, die ich gern mache.

Wollten Sie schon immer zum Theater?

Mit siebeneinhalb hatte ich eine kurze Phase, in der ich Krankenschwester werden wollte. Ansonsten hatte ich nur immer den einen Wunsch: Theater.

Was ist das Besondere an diesem Beruf, was macht den Reiz aus?

Da sitzen 800 Menschen - wie beim Schönebecker Operettensommer - mit offenen Herzen und freuen sich auf das, was sie gleich erleben werden. Viele lassen sich von uns begeistern. Das macht uns glücklich. Ein schöner Lohn unserer Arbeit.

Wie schätzen sie den Operettensommer in seiner Bedeutung und Qualität ein?

Diese Veranstaltungen finde ich total schön, weil es auch vom Publikum so toll angenommen wird. Es ist total speziell hier. Da gibt es das wohl kleinste Festivalbüro der Welt. Was da geleistet wird, ist toll. Die machen das ja neben dem normalen Konzertbetrieb. Da ziehe ich meinen Hut.

Beim SOS weiß ich, dass viele Leute immer wiederkommen. Sogar Darsteller. Kim Schrader zum Beispiel. Auch Elena Schreiber. Sie tauchte 2014 auf und wollte wissen, wie es uns geht, wollte uns wiedersehen. Das ist nicht selbstverständlich an den Theatern. Das macht man nicht, wenn es nicht was Besonderes ist.

Was unterscheidet das "Weiße Rössl" von anderen Operetten?

Die logische Handlung. Die Logik mögen wir ja in der heutigen Zeit sehr, da kommt einem das Rössl entgegen.

Das klingt eher als gehe es um eine Rechenaufgabe.

Oh nein, die Handlung hat auch ganz viel mit Sehnsucht zu tun - so wie das Leben überhaupt. Die Handlung wird in den Liedern weitergeführt, die Figuren entwickeln sich.

Wer spielt die Rolle des angeblich so schönen Sigismund?

Jürgen Kapaun. Er macht sonst sehr viel Kindertheater. Ich kenne ihn schon lange und werde ihn auch mit Aufgaben der Regieassistenz betrauen. Da weiß ich, dass wir uns verstehen. Für die Rolle muss er sich extra eine Glatze rasieren, weil der Sigismund ja eine hat und bei den Mädchen nur so gut ankommt, wenn er einen Hut trägt.

Es mag sein, dass die Operette, vielleicht auch mit Schönebecker Hilfe, gerade dabei ist, eine Renaissance zu erleben. Trotzdem ist das Gros der Zuschauer 60 Jahre und älter. Wie lässt sich junges Publikum für dieses Genre gewinnen? Vielleicht sogar Kinder?

Indem wir Kinder da abholen, wo sie sind. Indem man ihnen vermittelt, wie spannend eine Theateraufführung ist und dass es sich eben nicht um einen Film handelt, der auf DVD abläuft. Manchmal brauchen wir (Darsteller und Regie) eine Stunde, bevor eine Ohrfeigen-Szene richtig sitzt. Und dann muss die Handlung für junge Zuschauer unbedingt greifbar, anfassbar sein. So kann man sie neugierig machen auf einen lebendigen Prozess, der da auf der Bühne abläuft. Das Operettenprojekt der Freien Schule Schönebeck im vergangenen Jahr ging in die richtige Richtung. Das hat beiden Seiten Spaß gemacht.

Wie viel Kind muss ein Darsteller denn selbst in sich haben, um begeisternd spielen zu können?

Von Schauspielern wird allgemein gesagt, dass sie die Kindheit in ihre Jackentasche gesteckt haben und sie jederzeit rausholen können. Kindsein gehört immer dazu. Und so freuen wir uns wie die Kinder auf unser "Rössl" und einen tollen Sommer auf dem Bierer Berg!