Förderstedt l Der braune Hut ist tief ins Gesicht gezogen, der lange Ledermantel wirbelt den Staub vom Boden auf, die Colts liegen im Anschlag. Hier sorgt jemand für Ordnung. Der Sheriff hat das Geschehen genau im Blick. Hochstapler sind unterwegs, es gilt die Verbrecher dingfest zu machen. Die Sonne scheint warm, die Stimmung ist angespannt, die Luft flimmert. "Aus!" hallt es plötzlich durch die Stille. Plötzlich ist alle Anspannung weg. Der Sheriff nimmt den Hut ab - und zum Vorschein kommt Hans-Jürgen Lärz.

Der Stadtrat und Förderstedter Feuerwehrchef hat in einem Filmprojekt einer Künstlergruppe die Rolle des Ordnungshüters übernommen. Und ja - es passt irgendwie, kein anderer hätte einen kernigeren Sheriff abgegeben können. Hans-Jürgen Lärz, der als Wehrleiter und als Politiker keine Scheu vor sachlich-hitzigen Diskussionen hat, ist geradezu wie gerührt, wenn er von seiner Rolle berichtet. "Das ist so als ob ein Kindheitstraum wahr wird", sagt der Förderstedter. Nie hätte er sich träumen lassen, vor einer Filmkamera zu stehen, dazu noch in einem Western. "Ich liebe dieses Genre und schaue mir so etwas auch immer wieder gern an."

Wie so oft im Leben war der Zufall quasi "Geburtshelfer" für Lärz Ausflug in die Schauspielwelt. Denn das Team, das den Streifen erstellt, war vor nahezu eineinhalb Jahren zu Gast im Förderstedter Landhaus. "Wir sind miteinander ins Gespräch gekommen. Darüber, was die Gruppe vorhat", berichtet der Wirt. Heimatverbunden wie er ist, hat er sich seine Gäste geschnappt, ihnen die Sehenswürdigkeiten und die Umgebung von Förderstedt gezeigt, und damit das Herz der Filmer erobert. Das Drehbuch für den Western stand da schon. Und sofort erkannten die Künstler im alten Kalkwerk eine Kulisse für ihren Streifen. Und in Hans-Jürgen Lärz den geborenen Sheriff. "Wenn es so weit ist, dann melden wir uns" - hieß es damals beim Abschied. Dann war erstmal Ruhe. "Ich hätte nie damit gerechnet, dass die Truppe wieder kommt und ich wirklich vor die Kamera muss." Doch weil Hans-Jürgen Lärz beim ersten Treffen sein Wort gegeben hatte, war es für ihn ein Ehrensache mitzumachen.

Gerade verlebt Hans-Jürgen Lärz aufregende Tage. Er steht seit Anfang August immer wieder mal vor der Kamera. Heute ist der letzte Drehtag. Davor hieß es einkleiden in Magdeburg oder Texte lernen. "Ich habe allerdings nur wenige Sätze zu sagen, das ging schnell und gut"

Aufregend ist der Dreh auch für die Filmemacher. Catja Esslinger und Christof Wagner, beide aus Zürich, Jochen Picht und Joshua Schulte-Kersmeker aus Mannhagen bei Oldenburg/ Holstein und Marc Teuscher aus Königsbach-Stein bei Pforzheim machen das fünfköpfige Team aus, das sich beim Studium an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe kennengelernt hat. Sie haben nicht nur in Förderstedt Szenen festgehalten, sondern auch im Saalehof Gottesgnaden (Calbe). Die Künstler leben während der Drehtage auf dem Campingplatz Frohse (Schönebeck). "Uns hat die Atmosphäre dieser alten Gebäude inmitten der ländlichen Idylle gleich begeistert", sagt Marc Teuscher.

Gemeinsames Ziel ist es, mit einfachen Mitteln einen aussagekräftigen Kurzfilm zu drehen mit einer Dauer von 25 bis 30 Minuten. Ein Blick in die Requisiten macht klar, dass sie mit einem kleinen Budget zurecht kommen. Vieles davon sei geliehen oder wurde dem Team geschenkt. "Wir finanzieren den Film zu 100 Prozent selbst", begründet es Teuscher und setzt auf die totale künstlerische Unabhängigkeit. Im Team gibt es keine feste Hierarchie, Jeder trägt zum Erfolg an der Stelle bei, an der er gerade gebraucht wird so ist jeder streckenweise Regisseur, Kameramann und Schauspieler.

Wer nun denkt, es handle sich um einen klassischen Westernfilm, der irrt. Aktuelle Parallelen werden hergestellt. "Die Handlung spielt in den neuen Bundesländern zu Anfang der 1990er Jahre, als ein Gaunerduo durch die Lande zieht", sagt Teuscher, schließlich sei es im Osten in den Nachwendejahren in mancher Hinsicht auch ein bisschen wie im Wilden Westen zugegangen.

Viel Hilfe erfahren die Künstler direkt an die Drehorten. Mit Unterstützung vom Vorsitzenden des Förderstedter Reitvereins, Steffen Schubert, dessen Tochter Emily ebenfalls zu den Darstellern gehörte, waren die Pferde, Kutsche und Wagen vorher bei Reitsportfreunden und Bekannten bestellt. Stark beteiligt waren auch Reiter und Pferde vom City Ranch Reitclub in Staßfurt mit Frank Abresche, Frank Jakob und Klaus Heidenreich und die Förderstedter Pokerfreunde bei den Innenaufnahmen.

Die Förderstedter Feuerwehr, angeführt von Ralf Zaschke und René Kraushaar, hatte die Zufahrt und das Gelände des Kalkwerkes am Tag vorher erst frei von Gebüsch und Sträuchern schneiden müssen, damit die Fahrzeuge passieren und die Dreharbeiten beginnen konnten.

Dabei war auch der Hubsteiger eines Atzendorfer Fassadenbauunternehmens, damit Aufnahmen aus 18 Meter Höhe möglich wurden.

Im Kalkwerk ging es zunächst darum, Aufnahmen mit Reitern zu machen. Dann hatte Hans-Jürgen Lärz seinen Auftritt. Er musste zusammen mit seiner Enkelin Marie in einer Kutsche sitzend die Westernstadt verlassen. "Ich habe großen Respekt vor der Arbeit der Filmer. Jede Szene muss mehrmals und in verschiedenen Kameraeinstellungen gedreht werden. Das ist aufwendig und erfordert zugleich viel Konzentration und Genauigkeit.

Im kommenden Jahr soll der Film fertig sein - Premiere ist - auch kein Wunder - in Förderstedt!

   

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