In Pömmeltes Mitte gibt es ein kleines Gebäude, das "Kahnhaus" genannt wird. Über 100 Jahre war diese Bezeichnung unpopulär, weil das Dorf weitab der Flüsse liegt. Vor drei Wochen brachte sich dieser Begriff wieder in Erinnerung, als die Feuerwehr zum Sandsackbau mit Kähnen fuhr.

Von Thomas Linßner

Pömmelte. "Das Kahnhaus ist überflüssig, seitdem es die neue Fahrzeughalle gibt", sagt Ortsbürgermeister Thomas Warnecke. Feuerwehr, ja. Aber was um alles in der Welt ist in Pömmelte ein Kahnhaus?

Den Begriff, den der Ortschef so gelassen ausspricht, kennen nicht mal alle Pömmelter.

Thomas Warnecke hat sein Wissen nicht zuletzt von seinem Vater aufgenommen, der seit Jahrzehnten Chronist von Pömmelte ist. So findet man in Heinz Warneckes Unterlagen natürlich auch einen Vermerk und alte Fotos zum Kahnhaus.

"In ihm befand sich zur Vorsorge bei Hochwasserkatastrophen in früheren Zeiten der Rettungskahn", weiß War- necke Senior. Obwohl die Elbe knapp drei Kilometer entfernt ist, hatten sich die Pömmelter nach dem schlimmen Hochwasser von 1876 entschlossen, einen Rettungskahn dauerhaft zu stationieren. Eine frühe Katastrophenschutz-Maßnahme, wenn man so will. Damals stand Pömmelte nach einem Deichbruch vollkommen unter Wasser, Lehmhäuser stürzten ein, Vieh ersoff.

Das Kahnhaus hatte aber noch eine andere Funktion. Laut Warnecke existierte darin ein kleiner, verschließbarer Raum, der "gelegentlich als Arrestlokal genutzt wurde". Wenn in anderen Dörfern das Spritzenhaus der Feuerwehr als provisorischer Knast diente, war es in Pömmelte eben das Kahnhaus.

In diesem Falle würde auch der saloppe Begriff für Strafgefangene hervorragend passen, den man in Berlin und Brandenburg gebraucht: "Die Knasties sitzen im Kahn". Die meisten Insassen werden in Pömmelte Prügelknaben und Störenfriede gewesen sein, die nach einer durchzechten Nacht über die Stränge schlugen.

Heinrich Götze, Tischlermeister und Heimatpoet schrieb 1870: "Hieran grenzt im Süden ¿Lehmannsruhe‘, das Arrestlokal, wird weniger genutzt als Niemanns Saal". Mit letzterem war der nahe Tanzsaal gemeint, was für die Tugend der Pömmelter spricht.

Das Feuerwehrdepot in der Barbyer Straße wurde 2005 erweitert. An das 1989 fertiggestellte Gebäude baute man eine Fahrzeughalle an, die sieben mal zwölf Meter groß ist, um den Mannschaftswagen, der bis dahin im Kahnhaus stand, "DIN-gerecht" unterzustellen. Bis dahin existierten zwei Standorte, wo die Wehr ihre Fahrzeuge unterstellte, was im Einsatzfall nicht vorteilhaft war. Im "Kahnhaus" stand bis dahin der Mannschaftstransporter "B 1000". Wie Thomas Warnecke sagt, sei das Gebäude an einen Privatmann vermietet, der es als Garage nutzt.

Die aktuellen Drängwasserereignisse haben den nahezu vergessenen Begriff des Pömmelter Kahnhauses wieder auf die Tagesordnung gehoben. Schließlich verteilte die freiwillige Feuerwehr vor zwei Wochen Sandsäcke zum Schutz gegen Drängwasser mit zwei Kähnen.