Dass Großmühlingen im Gegensatz zu den meisten Dörfern ein Marktort ist, also einen Marktplatz hat, eigentlich sogar zwei Marktplätze, verwundert heute so manchen Fremden, während es für den Einheimischen selbstverständlich ist. Doch wie kam es dazu?

Großmühlingen. Im Jahr 1798 wollte der Landesfürst aus Bernburg dem Ort Großmühlingen zwei Jahrmärkte mit freien Viehmärkten verleihen, von denen der eine vor Ostern, der andere vor Michaelis stattfinden sollte. Allein schriftlich und mündlich wurden die hier ansässigen Juden beim Fürsten zu Bernburg vorstellig und legten Widerspruch ein, so dass damals der Ort noch keine Marktgerechtigkeit erhielt. So berichtet es der hiesige Cantor Sintenis (gestorben 1812) in seinem schriftlichen Nachlass.

Durch die Einrichtung des festen Markttages fürchteten die Juden um Einnahmeverluste, die sie durch Wollhandel erzielten.

Pfarrer Friedrich Loose schreibt in seinen Aufzeichnungen zum Pflaumenkuchenmarkt: "Man sagt im Dorfe, der erste hiesige Markt sei 1828 oder 1829 abgehalten. Der Anger gegenüber dem Schlossgarten an der Straße nach Eggersdorf wurde der Viehmarktplatz, während der Krammarkt auf dem freien Platz bei der Gemeindeschenke (jetziger Marktplatz) abgehalten wurde."

Mit Sicherheit fand der erste Markt also 1829 statt. Dieses Datum wird als Beginn des Großmühlinger Pflaumenkuchenmarktes angesehen, der bis heute begangen wird.

Wie wurde der Zeitpunkt des Marktes nun festgelegt? Aus dem Jahre 1858 stammt folgende Festlegung: "Der Markt fällt auf den Tag vor Mariä Geburt (8. September), fällt Mariä Geburt auf einen Sonnabend, Sonntag oder Montag, so findet der Markt an dem darauf folgenden Mittwoch statt." Mittwochs, und zwar am zweiten Mittwoch im September, fand der Markt dann über Jahrzehnte hinweg statt. In jüngster Vergangenheit ist es immer das zweite Wochenende im September.

"Knopfs Garten" einer versteckten Laube

Der Marktplatz war über viele Jahre recht klein. Aus dem Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts hat sich ein Foto erhalten, auf dem der Fanfarenzug der zehnklassigen Mittelschule über den Marktplatz zieht. Nur der vordere kleine Teil bis zur Schulstraße war der Marktplatz. Dahinter sieht man einen eingezäunten Garten. Ältere werden diesen Garten noch als "Knopfs Garten" kennen.

Im Projekt über die Entwicklung der Bördehöfe des Kirchbauvereins St. Petri kann man die Geschichte dieses Hofes 37 vom Mittelalter an nachverfolgen. Dieser Garten gehörte zum Hof 37. Gleich hinter dem Garten befand sich der so genannte Schmiedeberg. Vom Marktplatz her stieg der Garten leicht an zu einem Hügel, gleich dahinter war der so genannte Schmiedeberg, weil sich dort einst die Schmiede – etwas außerhalb wegen der Brandgefahr – befunden hatte. Der Garten war stark bewachsen.

In der Mitte stand eine Holzlaube, die so genannte Liebeslaube, die als solche häufig in alter Zeit genutzt wurde.

Christian Wilhelm Ferdinand Knopf kaufte 1903 das ackerlose Gehöft 37 und betrieb auf ihm Ackerwirtschaft, teils auf eigenem, teils auf Pachtacker. Er war damals der Pächter des Kirchenackers. Hier taucht der Name Knopf zum ersten Mal auf. Von drei Kindern war Ferdinand der jüngste Sohn, geboren 1885. Er heiratete 1913 Minna geb. Wille aus Wespen, eine Ökonomentochter. Als Ferdinand – "Nante" – und Minna Knopf werden viele die beiden noch gekannt haben.

Ernte wurde mitten auf dem Markt gewogen

Auf der rechten Seite des Fotos sieht man ein Häuschen, das zur Waage gehörte. Mit dieser Waage konnten Ackerwagen und ähnliches gewogen werden, um so den Ernteertrag zu ermitteln. Auf dieser Waage auf dem Marktplatz wurden die Fuhren der Gemeinde gewogen. Es gab noch eine zweite derartige Waage kurz vor der Einfahrt zum Schloßbezirk, die Waage für die Domänenfuhren.

Auf jeden Fall ergab es sich, dass in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts "Knopfs Garten" von der Gemeinde gekauft werden konnte. Damit war der Weg frei zur Vergrößerung des Marktplatzes. Garten und Waage verschwanden, die Anhöhe und der Schmiedeberg wurden eingeebnet. So konnte ein Marktplatz entstehen, der mehr als doppelt so groß wie der ursprüngliche Platz ist.

Dass der Marktplatz sich heute in einem so gepflegten Zustand befindet, sauber gepflastert und umsäumt von Rotdornbäumen, ist das Ergebnis der Wende und des Programms der Dorferneuerung, das in den 1990er Jahren dazu führte, dass so manches Stück dörflicher Identität erhalten oder wieder erneuert werden konnte.

Und so macht der Großmühlinger Marktplatz zumindest optisch seinem Namen alle Ehre.