Wie sehr sich die Landschaft in den vergangenen tausend Jahren verändert hat, wird durch ehemalige Flussarme sichtbar, die sich bei erhöhtem Grundwasserstand in Erinnerung bringen. Christian Jung, Leiter des LHW-Flussbereichs Schönebeck, kennt ihre Historie.

Barby. Der Volksstimme-Beitrag über die "Geisterflüsse" löste Ende Januar eine große Resonanz aus. Viele Leser waren von einem Luftbild fasziniert, das einen Nebenarm der Saale bei Wespen zeigte oder wollten mehr über das Thema wissen.

"Eine große Veränderung hat die Stromteilung mit sich gebracht"

Christian Jung bezeichnet diesen Saalearm als "Grizehner Graben". Er begann in Höhe des ehemaligen Calbenser Eisenwerks, tangierte den Bahnübergang Calbe (Ost), schlängelte sich an Wespen vorbei, um nördlich (!) von Barby in die Elbe zu münden. Das geschah etwa am Gnätz, wo sich heute die Elbbrücke befindet.

Noch weitere Altarme sind auf Luftbildern zu erkennen. Sie zeigen ein regelrechtes Flussdelta im Saale-Mündungsgebiet, das bei großem Hochwasser - wie gerade erst im Januar - in Erscheinung tritt.

"Eine große Veränderung hat die Stromteilung vor rund tausend Jahren mit sich gebracht", sagt Jung. 1020 verlagerte die Elbe ihr Bett. Bis dahin floss sie weiter östlich. Der Flötzer/Gödnitzer/Prödler See sowie die Schleife unterhalb des Dornburger Schlosses markieren diese Linie. Im weiteren Verlauf sind Plötzky, die Haberlandbrücke und Pechau markante Punkte. Vor tausend Jahren war Schönebecks größtes Fließgewässer der Röthegraben, weil die Elbe einige Kilometer weiter östlich verlief.

"Es wird ein riesiges Hochwasser gegeben haben, das die Elbe nach Westen drängte", meint Christian Jung. Zum Hauptstrom sei der neue Lauf, den die Schönebecker plötzlich vor der Tür hatten, aber erst in den folgenden Jahrhunderten geworden. "Er hat sich immer mehr eingegraben. Das Gelände liegt tiefer, als am Hang bei Dornburg." Manifestiert wurde der Flussverlauf dann durch Deich- und Buhnenbauten im 18. und 19. Jahrhundert.

So entstanden zahlreiche Altarme, die heute nur noch bei höheren Wasserständen voll laufen. Kommt es zu Hochwassern, so kann der gesamte, nicht eingedeichte Auenbereich von den Fluten erfasst werden.

So ist es auch beim "Grizehner Graben", der seit Anfang des Jahres besonders gut sichtbar ist. Christian Jung vermutet, dass dieser Saale-Nebenarm vor rund tausend Jahren an Bedeutung verlor. Die Elbe-Saalemündung lag ja bis zur Elbe-Stromteilung auf einem höheren Niveau, so dass die Saale nicht so schnell abfloss. Was eine Deltabildung im Mündungsbereich begünstigte.

Wenn man so will, war dieses Naturereignis eine Flussbegradigung auf natürliche Weise, die die Nebenarme langsam austrocknen ließ.

Die Ackerwirtschaft des Menschen trug dazu bei, dass die Altarme immer mehr platt gepflügt wurden. Was im Falle des "Grizehner Grabens" jedoch nur bedingt gelang. Er bildet bis heute einen deutlichen Einschnitt in das Ackerniveau oder existiert als Landgraben.

Christian Jung besitzt topografische Karten aus dem 19. Jahrhundert, die den "Ur-Fluss" anhand ihrer Höhenlinien sichtbar machen. Auch künstliche Eindeichungen sind zu erkennen, wie beispielsweise nahe Glinde. Auch hier mündete ein Saalearm in die Elbe. Es ist der Barbyer Colphus, der sich über den "Düsteren Sumpf" (hinter "Maxit") und der "Glinder See" zur Elbe schlängelte. Die beidseitig parallel zur "Ur-Saale" gebauten Deiche waren recht niedrig und wurden gleichzeitig als Feldwege genutzt. Ein bis heute gut sichtbares Beispiel ist auch der Colphuser Damm in Barby.

"Wo früher mal ein Teich war, stehen heute mehrere Wohnblöcke"

Die Bauern wollten mit diesen Dämmen ihre Felder vor den regelmäßigen Überschwemmungen schützen. Unsere Altvorderen wären niemals auf die Idee gekommen, hier Häuser zu bauen.

Eines von Christian Jungs Luftbildern zeigt die Barbyer Beckmannstraße zwischen Magdeburger Tor und Schulzenstraße. "Das war schon immer ein Gelände, auf dem sich das Drängwasser ausbreitete. Wo früher mal ein Teich war, stehen heute mehrere Wohnblöcke", schüttelt der Flussfachmann den Kopf.

 

Bilder