Im August dieses Jahres feiert die Elbestadt Barby die 1050. Wiederkehr ihrer urkundlichen Ersterwähnung. Deshalb wird in den kommenden Monaten an Persönlichkeiten erinnert, die aus Barby stammen oder eine Beziehung dazu haben. Im dritten Teil wird der Entertainer Achim Mentzel vorgestellt, der Anfang der 70er Jahre einen mehrmonatigen Aufenthalt in der Elbestadt hatte. Allerdings nicht freiwillig.

Barby. Der Berliner genoss im Winter 1973/74 die "Gastfreundschaft" des DDR-Innenministeriums im Barbyer Aufnahmeheim (heute Grundbucharchiv, ehemaliges Schloss) für westdeutsche Übersiedler.

"Na klar, hier in dem alten Schloss saß ick doch mal im Knast"

Im September 1999 trat der Musiker und Entertainer beim Herzog-Heinrich-Schützenball auf. Im Rautenkranz, quasi nur einen Steinwurf vom Schloss entfernt, das bis Mitte der 70er Jahre die "Westdeutschen" aufnahm. Eine prima Gelegenheit. Aber wie würde der Spaß-Achim reagieren, wenn man ihn nach diesem Kapitel seines Lebens fragte ...? Schließlich ist er in der Szene sehr populär, grinst er doch heute wie kein zweiter ostdeutscher Star dieses Genres vom gesamtdeutschen Bildschirm.

Also fragte der Reporter vorsichtig: "Verbinden Sie irgendwelche Erinnerungen mit Barby?" "Na klar, hier in dem alten Schloss saß ick doch mal im Knast", sprudelte der Star aufgeräumt los. Und er diktierte seine Geschichte in den Volksstimme-Block, noch bevor es in den Biografien stand:

Es war der 1. Juni 1973. Achim Mentzel durfte als junger Sänger zusammen mit dem Alfons-Wonneberg-Sextett nach Westberlin reisen, um auf einem Reichsbahnfest aufzutreten. (Die Deutsche Reichsbahn betrieb die S-Bahn in Gesamtberlin). "Ick habe jedacht, ick kieke nich\' recht, als unser Schlagzeuger seine janzen persönlichen Klamotten aus der Fußtrommel holte", erinnerte sich Mentzel im besten Berlinerisch. Der Trommler setzte sich nach dem Konzert ab und Achim mit. Dem ging ein Streit mit seiner Freundin voraus, was den Entschluss leichter machte.

So kam Mentzel ins Saarland zu seiner Tante. Als der gelernte Polsterer und Dekorateur sich nach Arbeit erkundigte, wurde ihm klargemacht, dass man hier Stahlwerker brauchte. Der Zusatz, dass er im Osten auch Sänger war, veranlasste den Mann vom Amt zu der Bemerkung: Gaukler und Fallensteller haben wir hier genug.

Schließlich arbeitete Achim Mentzel als Auspuffanlagenschweißer. Nebenbei machte er Musik in Nachtclub. Doch die beiden Arbeitszeiten kollidierten. Und das Heimweh nagte am Herzen.

"Nach einem halben Jahr hatte ick die Schnauze voll. Ick habe meine Verlobte jebeten, mal raus zu kriegen, wat mir blüht, wenn ick zurück komme." Der zuständige Staatsanwalt: "Der soll nur kommen; es wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird." Schließlich wurde der Sänger wegen Republikflucht zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Vom ersparten Geld hatte er sich eine Fender-Elektrogitarre mit Verstärker gekauft. "Zwei Tage haben die mich in der Keibelstraße (berüchtigtes Polizeipräsidium in Berlin) verhört. Dann gings mit dem Wartburg in Richtung Pankow, wo ick wohnte. Ick dachte, die bringen mich nach Hause", erinnerte sich der Berliner.

"Ick hatte es fertig bekommen, einen Hilfsheizerposten zu kriejen"

Nix da. Das gehörte zum psychologischen Spiel. Der Wagen fuhr an der Wohnung vorbei, Richtung Oranienburg, um direkt nach Barby weiter zu fahren. Dort kam der Reumütige in ein altes Schloss, das als Internierungslager diente. Neun Wochen war Achim Mentzel dort eingesperrt.

Nach seinen Angaben mit noch weiteren 60 bis 70 Rück- und Übersiedlern. "Ick hatte es irjendwie fertig bekommen, einen Hilfsheizerposten zu kriejen. Da hatte ick meine Ruhe, von den ständigen Verhören mal abjesehen." Im Heizhaus rockte Mentzel mit seiner Gitarre herum. Es ist jenes klinkerrote Gebäude, das man vom Elbwerder aus sieht.

Eines Tages erschienen sein ehemaliger Orchesterchef Alfons Wonneberg und kein Geringerer als Lutz Jahoda in Barby, um den 27-jährigen vom Heizungskeller auf die Bühnen der DDR zurück zu holen. Und das mit Erfolg. Achim Mentzel sang zusammen mit Nina Hagen in "Fritzes Dampferband". Die schrille Nina, die Mitte der 70er mit "Du hast den Farbfilm vergessen" in die DDR-Charts kam, wählte wenig später selbst den Weg in den Westen. Sie kam nicht wieder zurück, also auch nicht nach Barby.

Abschließend soll daran erinnert werden, welche Aufgabe dem Aufnahmeheim Barby zukam. Das Misstrauen der Staatsführung gegenüber jedem, der übersiedeln wollte, war größer als die Freude über die neuen Mitbürger. Jeder konnte ein potenzieller Spion sein. Jeder konnte versuchen, die DDR mit westlichem Gedankengut zu infiltrieren. Jeder war eine potenzielle Gefahr.

Deshalb musste jeder Bundesbürger, der Bürger der Deutschen Demokratischen Republik werden wollte, zwangsläufig eine solche "Quarantäne" durchlaufen. Die Übersiedler sollten unter Beweis stellen, dass sie der DDR-Staatsbürgerschaft würdig waren. Natürlich war die Staatssicherheit ständig mit von der Partie, die im Schloss Büroräume belegt hatte.

 

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