"Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele", soll der römische Vorzeigeredner und Philosoph Cicero in der Antike einst gesagt haben. Einen für jedermann zugänglichen Raum mit Büchern gibt es in Calbe nunmehr seit 100 Jahren. Ein Rückblick zeigt, dass die Historie der Bibliothek von zahlreichen Umzügen in der Stadt geprägt ist.

Calbe. 1911 gründete sich der Verein "Öffentliche Lesehalle" im Klubzimmer des Hotels "Schwarzer Adler" in der heutigen Wilhelm-Loewe-Straße. Auf Anregung des Sanitätsrates Dr. Maaß wird die Stadtbibliothek, die zuvor einem elitären Kreis zugeordnet war, dem Verein angeschlossen: Die Geburtsstunde einer hauptamtlich geleiteten öffentlichen Bibliothek. Während der großen Wirtschaftskrise in den 1920er Jahren zieht die Bibliothek in die heutige Goethe-Grundschule um. Eine Prozedur, die sich noch oft wiederholen sollte.

Nach Besetzung: Bücher sind auf Boden verstreut

So wurden Bücher in den 1930er Jahren in Räumen des einstigen Hotels "Zur Sonne" am Markt ausgeliehen. 1937 löste sich der Verein auf und die Kreisstadt Calbe wurde Eigentümer der Volksbücherei. Die Nationalsozialisten hatten den Buchbestand ausgesondert und reduziert. Nach Kriegsende und Besatzung durch britische Truppen öffnet die Bibliothek zwei Wochen. Türen waren aufgebrochen, Bücher lagen auf dem Boden verstreut. Nur mit einem Bestand von 1750 Büchern wurde die Kultureinrichtung wiedereröffnet.

Zwischen 1947 und 1950 ist die Bibliothek im Markt 7 und in der Bernburger Straße 24 untergebracht, danach in die Leninstraße 5 (heutige Schloßstraße). 1952 öffnet ein Leseraum seine Türen, der danach zur Kinderbücherei eingerichtet wird. 1957 bekommen die jungen Leser extra Öffnungszeiten. 1965 erfolgt erneut ein Umzug, dieses Mal in das Gebäude der Commerzbank in der Breite 9. Im Jahr 1967 werden neben Calbe weiter sechs Gemeinden mit Büchern versorgt: Brumby, Glöthe, Üllnitz, Schwarz, Breitenhagen und Tornitz. Zudem besteht enge Zusammenarbeit mit der Zentralbibliothek Groß Rosenburg. Ab 1977 können erstmals Schallplatten ausgeliehen werden. 1985 wird eine Ausleihstelle in der Wilhelm-Pieck-Oberschule eingerichtet, 1986 kommt eine weitere in der Ernst-Thälmann-Schule (heutige Sekundarschule) dazu.

Basar der Schriftsteller zur 1050-Jahr-Feier

Die Technik entwickelt sich weiter, ab 1986 können Musikkassetten ausgeliehen werden. Anlässlich der 1050-Jahr-Feier kommen Schriftsteller des Bezirks Magdeburg zu einem großen Basar auf dem Marktplatz zusammen. Nach der Wende ändern sich die Zeiten: Die Aufgaben der Zentralbibliothek entfallen durch Veränderungen in der kommunalen Verwaltung. Der Bibliotheksverein der Partnerstadt Burgdorf spendet zuvor verbotene "Westliteratur". 1992 wird die Kohle- durch eine Gasheizung ersetzt. Erstmals stehen CDs als neues Medium zur Ausleihe bereit. 1993 wird ein Veranstaltungsraum für Spielenachmittage eingerichtet. 1998 wird "Bolli" mit einer Länge von 577,20 Meter ins Guiness-Buch der Rekorde eingetragen: als längster handgestrickter Bücherwurm der Welt. Der vorerst letzte Umzug folgte: Die Bibliothek bezieht ihre Räume im heutigen Domizil in der Schloßstraße 3. Ab 1999 kann dort im Internet gesurft werden.

"Die Zeiten sind für die Stadtbibliothek zweifellos schwieriger geworden", sagt Christel Arnold, seit 1978 Leiterin. Die Möglichkeit, innerhalb der Stadt ein Bildungsangebot vorzuhalten, ist mehr denn je an finanzielle Rahmenbedingungen geknüpft. Als freiwillige Aufgabe der Stadt schwebt in Zeiten klammer Haushalte der Rotstift wie ein Damoklesschwert über der Einrichtung.

Ein Bücherflohmarkt, bei dem gut erhaltene Werke für wenige Cent oder Euro den Besitzer wechseln, sei im Rahmen der 1075-Jahr-Feier erneut angedacht, hieß es noch.

   

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