Glück im Unglück hatten Andrea Junge und ihre siebenjährige Tochter Victoria. Weil Kinder aus dem Obergeschoss gekokelt haben, ist der Balkon der kleinen Familie in Brand geraten. Nur durch den selbstlosen Einsatz ihrer Nachbarn konnten Mutter und Tochter aus den Flammen gerettet werden.

Schönebeck. Der Schock sitzt tief. Andrea Junge findet kaum in den Schlaf. Und wenn sie einmal die Augen zumacht, dann durchlebt die junge Mutter die Nacht vom 18. Februar wieder, immer und immer wieder. Ein Alptraum, der nicht enden will. Und das bereits seit zwei Wochen. Denn in der besagten Freitagnacht entging die 39-Jährige nur knapp dem Feuertod. Während sie und ihre siebenjährige Tochter Victoria nichts ahnend die Bettruhe genossen, war ihr Balkon in der Gustav-Zenker-Straße in Brand geraten. Hätten nicht beherzte Nachbarn Zivilcourage bewiesen, hätte die junge Familie wohlmöglich eine Rauchvergiftung oder gar Schlimmeres erleiden müssen.

"Ich bin wirklich froh, dass uns geholfen wurde", sagt Andrea Junge. Mit ihrer Tochter und Katze Cleo sitzt sie in ihrem ehemaligen Wohnzimmer. Die Möbel sind größtenteils auf die anderen Räume verteilt, nur das Sofa und ein größerer Schrank stehen an der Wand. An der Stubentür hängen Bilder, gemalt von der siebenjährigen Victoria. Sie erinnern daran, dass sich die kleine Familie hier heimisch gefühlt hat. Nun ist alles anders. "Die Wohnung ist derzeit nicht bewohnbar", schätzt die 39-Jährige ein. Ungern erinnert sie sich an die Nacht vor zwei Wochen. Doch die Spuren der Zerstörung sind unübersehbar. Der Balkon ist kohlenschwarz, statt Fensterscheiben zieren Holzplatten den Austritt. Und es riecht. Der Brandgeruch liegt förmlich in der Nase.

"Ich habe mit meiner Tochter schon ab 21 Uhr geschlafen", erinnert sich die 39-Jährige. Nur durch das laute Klopfen und Klingeln an der Tür war die Schönebeckerin in jener Nacht aufgewacht. "Weil ich alleinerziehend bin, habe ich zuerst aus Angst gar nicht die Tür öffnen wollen", berichtet sie weiter. Die Uhr hatte schließlich schon 23.30 Uhr geschlagen. "Dann habe ich etwas Helles im Wohnzimmer entdeckt." Zu diesem Zeitpunkt loderte das Feuer auf dem Balkon bereits lichterloh. Die junge Mutter öffnete die Wohnungstür und ihr Nachbar Timm Steppan stürmte herein. "Raus hier", berichtet Andrea Junge, habe ihr Bekannter gerufen, während er noch mit Wassereimern versuchte, das Feuer zu löschen, es wenigstens ein wenig aufzuhalten.

"Ich habe meine Tochter auf den Rücken und die Katze auf den Arm genommen und bin einfach nur die Treppe runtergelaufen." Derweil war ein weiterer Nachbar zur Hilfe geeilt. Er führte Mutter und Tochter, die lediglich Schlafkleidung trugen - nicht einmal für Schuhe war Zeit gewesen - in seine Wohnung und begleitete die Feuerwehr. "Kurz nachdem wir aus der Wohnung heraus waren, sind die Fensterscheiben geborsten", macht Andrea Junge deutlich, wie knapp sie und ihre Tochter einem schrecklichen Schicksal entkommen sind.

Heute, zwei Wochen danach, lebt sie bei ihren Eltern in Schönebeck. "Das ist natürlich nichts auf Dauer", sagt sie. Vor allem für ihre Tochter wünscht sie sich das gewohnte Umfeld zurück. "Aber das dauert alles so lange", macht sie ihren Unmut deutlich. Zwar habe die Versicherung schnell reagiert, "meine persönlichen Gegenstände sind sofort ersetzt worden". Aber die Wohnung ist und bleibt das Sorgenkind. Die Fernster und der Bodenbelag müssen erneuert werden, ganz zu schweigen vom Balkon, der voller Schutt und Asche ist.

"Unser Gutachter hat sich schon alles angesehen", informiert Detlef Eitzeroth, Vorstandsvorsitzender der hier vermietenden Wohnungsbaugenossenschaft (WBG). "Aufgrund der Dringlichkeit warten wir aber das Gutachten nicht ab, sondern haben bereits die nötigen Aufträge an die Firmen erteilt." Solange die Wohnung nicht bewohnbar ist, so Eitzeroth, werde die Miete zu 100 Prozent erlassen.

Von Eigenverschulden kann bei Andrea Junge keineswegs die Rede sein. "Die helfenden Nachbarn haben zuvor gesehen, wie Kinder aus einem oberen Geschoss unbeobachtet gekokelt und brennende Gegenstände achtlos heruntergeworfen haben", berichtet die Schönebeckerin. Die Polizei ermittelt und hat Strafanzeige gegen die betreffende Familie gestellt.

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