Die Deutsche Bahn ist immer wieder für eine Überraschung gut. Im Fall von Simon Sauter fiel sie eindeutig negativ aus. Merkwürdig an diesem Fall: Alles war gut vorbereitet - genutzt hat es nichts.

Calbe. Sitzen gelassen im wahrsten Sinne des Wortes wurde Rollstuhlfahrer Simon Sauter von der Deutschen Bahn. Am noch kalten Wochenende 5./6. März wollte er mit dem Zug von Bernburg im Salzlandkreis nach Berlin fahren. Ein erster Umstieg war auf dem Bahnhof Calbe (Ost) um 17.27 Uhr geplant. Doch der Lokführer übersah den jungen Mann im Rollstuhl. Für den 27-Jährigen ein Ärgernis, denn dadurch musste er eine bitterkalte Stunde auf dem Bahnsteig verbringen und verpasste seine Anschlusszüge. Dabei hätte eigentlich alles glatt gehen müssen, berichtet Simon Sauter: "Ich hatte extra vor dem Umstieg ein junges Pärchen gefragt, ob sie mir helfen." Für Kevin Klix, der am Sonntag mit seiner Freundin Jessica Rademann zurück nach Magdeburg wollte, war das eine Selbstverständlichkeit. "Ich arbeite im sozialen Bereich, da ist das Rollstuhlschieben nichts Neues für mich", erklärt Kevin Klix.

Aus dem einen Zug raus, in den anderen wieder rein. Das war der Plan. "Genau in dem Moment, als wir den Rollstuhl durch die Tür fahren wollten, schloss der Lokführer die Türen und fuhr los", erinnert sich der junge Mann, der dadurch ebenfalls seinen Zug verpasste. Verwunderlich vor allem: In dem betreffenden Zug standen eine Schaffnerin und zwei Sicherheitsbeamte bereit. Offenbar waren alle informiert, nur der Lokführer nicht.

Kevin Klix, der regelmäßig mit der Bahn unterwegs ist, rief darauf hin bei der Servicenummer der Deutschen Bahn an. "Die konnten uns nicht weiterhelfen", erzählt er, ein wenig Bitterkeit schwingt in seiner Stimme mit. "Ich dachte, vielleicht schicken die ein Taxi oder haben ähnliche Alternativen." Was übrig blieb, war Warten. Bei gefühlten Minusgraden, die zu diesem Zeitpunkt noch herrschten, saßen das hilfsbereite Paar und Rollstuhlfahrer Simon Sauter also auf dem Bahnsteig fest. Einen Warteraum gibt es am Bahnhof Calbe (Ost) nicht. "Zum Glück hatte ich mir für die Reise vorsorglich meinen Schlafsack um die Beine zum Wärmen gebunden", berichtet Simon Sauter.

Seine Fahrt nach Berlin setzte der 27-Jährige dann nicht mehr fort, als nach einer Stunde der nächste Zug nach Magdeburg einfuhr. Es war inzwischen 18.30 Uhr. Simon Sauter kehrte stattdessen durchgefroren und verärgert nach Hause zurück.

Die Deutsche Bahn bedauert auf Volksstimme-Nachfrage diesen Vorfall. "Wir haben den Fall intern ausgewertet und mit der betroffenen Kundenbetreuerin und dem Triebfahrzeugführer gesprochen", heißt es in der Erklärung der Pressestelle Leipzig. Beiden Kollegen tut es laut Bahnauskunft leid. Als Grund gibt der Lokführer an, dass er "mit sehr schwierigen Sichtbedingungen zu kämpfen hatte und zahlreiche Personen auf dem Bahnsteig standen". So sei für ihn nicht erkennbar gewesen, dass noch Reisende in den Zug gelangen wollten. "Dies ist umso ärgerlicher, als wir extra zusätzliches Personal und Sicherheitsmitarbeiter auf den Bahnsteig bestellt hatten, um dem Reisenden beim Einstieg behilflich zu sein", heißt es aus der Pressestelle weiter. Es sei der Bahn ein großes Anliegen, sich bei dem Reisenden zu entschuldigen und ihm eine Entschädigung zukommen zu lassen.

Ob Simon Sauter sich schon bald wieder in das Abenteuer Bahnfahrt stürzen wird, lässt er offen.