Wenn Prof. Dieter Engelmann und sein Co-Autor Heinz Ulrich nicht 2008 zur Tat geschritten wären, würde die durchgängige Barbyer Geschichtsschreibung 1913 enden. Vor knapp drei Jahren erschien die "Chronik der Stadt Barby 1900 bis 2000". Das ist spitze, findet die Volksstimme. Deshalb ist Dieter Engelmann einer der sechs Kandidaten, die in der Volksstimme-Aktion "Du bist spitze!" zur Wahl stehen. Die Leser können für den Barbyer abstimmen.

Barby. Dieter Engelmann hält sich sportlich. Der ehemalige Professor der Uni Leipzig ist oft mit dem Fahrrad in seiner Heimatstadt unterwegs. Er hat kein Auto. Nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern weil er in seiner 40-jährigen Leipziger Großstadtzeit keines brauchte. Und jetzt, mit 73, sei es für den Führerschein ohnehin zu spät. "Vor ein paar Jahren habe ich mich mit Tischtennis fit gehalten", berichtet er und zählt ehemalige Schulfreunde auf, die zum Team gehörten: Walter Radespiel, Fritz Wehling, Heinz Ulrich und Hans Hagedorn.

Dieter Engelmann wohnt zusammen mit Ehefrau Sigrid in der zweiten Etage einer "AWG-Wohnung", wie alte Barbyer die 60er-Jahre-Blöcke am Bahnhof nennen. Vom Balkon hat man eine schöne Aussicht. Dorthin schwebt das Bim-Bam der Barbyer Bahnhofs-Schranke herüber, die sich nur noch bei seltenen Güterzugfahrten bewegt. "Die habe ich schon als Kind gehört. Der Klang hat sich kaum verändert", lächelt der 73-Jährige. Damals wohnte er nur knapp 100 Meter von der heutigen kleinen Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung entfernt. Es war die Zeit, als Züge noch im Stundentakt Barby passierten, rangierten, über die Elbbrücke rasselten.

Dieter Engelmann legte 1955 an der Barbyer Friedrich-Engels-Oberschule im Edelhof sein Abitur ab. Gute Erinnerungen hat er an Lehrer Dr. Wilhelm Annecke, der die Fächer Geschichte und Gegenwartskunde unterrichtete. "Er war es, der das Geschichtsinteresse in mir weckte", ist sich Engelmann sicher.

"Ich habe die Fortsetzung der 1913er Chronik im Hinterkopf gehabt"

In dieser Richtung stellte das Leben dann auch seine Weichen. Der junge Barbyer nahm das Schicksalangebot an und wurde Lehrerstudent an der Uni Leipzig. Es zeichneten sich für die Zukunft zwei Möglichkeiten ab: Lehrer werden oder an der Uni als Dozent arbeiten. 1961 gelang Dieter Engelmann Letzteres: Er wurde wissenschaftlicher Assistent an der Karl-Marx-Universität, promovierte 1965 dort. Nach Dissertation und einem Studienaufenthalt an der Lomonossow-Universität Moskau wurde er 1984 zum ordentlichen Professor berufen. Bis 1992 hielt er in Leipzig Vorlesungen als Historiker. Mit dem Ruhestand zog es Sigrid und Dieter Engelmann 1996 in die alte Heimat zurück.

An dieser Stelle beginnt auch die Geschichte der neuen Barbyer Chronik. Wäre das Paar in Leipzig geblieben, gäbe es das Buch nicht. Schon wieder stellte also das Schicksal seine Weichen. Da, wo die Schranke Bim-Bam macht ...

Als Geschichtswissenschaftler ließ Engelmann in seiner Leipziger Zeit Barbys Stadtgeschichte nicht los. Als Ruheständler verdichteten sich schlummernde Ambitionen. "Ich habe die Fortsetzung der 1913er Chronik im Hinterkopf gehabt, hatte aber kein Material", erinnert sich der 73-Jährige. Die Initialzündung habe der Heimatfreund Günter Zenker bewirkt. "Ich traf ihn beim Spaziergang auf dem Elbdamm. Er hat mich gefragt, wann ich denn nun endlich die Chronik fortsetze", weiß Dieter Engelmann. Das "Materialproblem" löste Zenker. Besonders wertvoll waren die jährlich erschienenen "Barbyer Hauskalender" und "Barbyer Zeitungen".

2003 gilt als offizieller Arbeitsbeginn für das Jahrhundertwerk. Engelmann holte seinen Tischtennisfreund Heinz Ulrich ins Boot, der 2002 die "Kriegschronik Barby" herausgegeben hatte. Das Autoren-Duo teilte sich die Arbeit: Dieter Engelmann erforschte die Zeit bis 1945, Heinz Ulrich war hauptsächlich für den Teil bis zur Gegenwart zuständig. Beide recherchierten in zahlreichen Archiven oder erschlossen andere Quellen.

So war Engelmann "Stammkunde" in der Universitäts- und Landesbibliothek Halle, die eine umfangreiche Sammlung der "Barbyer Zeitung" (bis 1899 "Elb- und Saal-Bote") und des "Barbyer Hauskalender" besitzt. Daraus ließen sich zeitgenössische Fakten schöpfen. Auch das Barbyer Stadtarchiv, das zwar in einem relativ ungeordneten Zustand ist, lieferte so manchen historischen Fakt.

Das Autorenteam widmete sich nicht nur dem zeitgeschichtlichen Geschehen, dessen Darstellung auch in den nächsten 100 Jahren Bestand haben soll, sondern erwärmt auch den nicht ganz so geschichtsinteressierten Leser.

So erschienen unter der Rubrik "Was sonst noch passierte" Geschichten, die mit einem Augenzwinkern zu sehen sind. Ein Beispiel: Die Gebrüder Weber - sie betrieben eine Fluss-Fischerei - sahen einen Meteoriten in die Elbe niedergehen, den sie tags darauf bargen und "versilberten". Die Webers erregten schon davor in zwei Zeitungsberichten Aufsehen, als sie das "Riesenhorn eines vorgeschichtlichen Auerochsens" und einen uralten Einbaum im sandigen Grund der Elbe bargen.

Großen Wert erlangt die Chronik durch Beschreibung der Novemberrevolution 1918 oder von Kriegsereignissen, die bis dahin oft nur mündlich überliefert wurden. Zuweilen heikle Themen, da die Nachkommen einiger Nazi-Aktivisten heute noch in Barby leben.

Dieter Engelmanns Vater stammt aus Bayern. Er kam der Arbeit wegen Ende der 20er Jahre an die Elbe. Die mütterliche Linie lässt sich in der Elbestadt bis weit in das 19. Jahrhundert zurück verfolgen.

Neben der "Chronik ... bis 2000" legte der Autor im vergangenen Jahr mit einem Buch nach, das "Stadt und Grafschaft Barby in alten Chroniken" heißt.

Doch damit nicht genug: Zusammen mit Postkartensammler Rüdiger Frenzel plant Die-ter Engelmann für die 1050-Jahrfeier eine weitere Überraschung.

www.volksstimme.de/ schoenebeck