Das Gehöft in der heutigen Reformstraße 1 war im April 1945 Ziel für eine Gruppe von 360 entkräfteten Gefangenen, die einen siebentägigen Todesmarsch aus einem Konzentrationslager hinter sich hatten. Gestern wurde im Beisein vieler Eggersdorfer eine Gedenktafel enthüllt. Dabei wurden mahnende Worte zur Gegenwart laut.

Eggersdorf. Wenn Zeitzeugen von damals, wie die Eggersdorferin Ellli Spaleniak, über den 11. April 1945 sprechen, dann beschreiben sie eine sonderliche Ruhe, die in Erwartung der feindlichen Truppen über dem Dorf lag. An jenem Tag erreichte eine Häftlingskolonne aus dem KZ Mittelbau-Dora bei Harzungen den Ort. Von 2000 Menschen, die sich auf den Weg machten, erreichten rund 360 Gefangene Eggersdorf. Bei schönstem Aprilwetter bewegte sich ein Tross auf der Landstraße aus Richtung Biere kommend, gegen 17.30 Uhr auf der Bahnhofsstraße. Augenzeugen erinnern sich daran, dass die Straßen wie leer gefegt waren, das einzige "Gepäckstück" der Gefangenen war eine Blechschüssel. Bewacht wurden sie von Volkssturmleuten, SS-Angehörigen und Häftlingskapos. Die völlig Entkräfteten trieb man auf den Hof von Willy Hellge im Sackwinkel 1, der heutigen Reformstraße. Am Abend wurde die benachbarte Scheune von Bauer Wilhelm Haberhaufe für das Nachtlager geöffnet. Danach wurden schwere Ackerwagen vor die Tore geschoben, um eine Flucht zu verhindern. Die Nacht nutzten einige Gefangene dennoch, um durch weitere unverschlossene Türen zu fliehen. Die verbliebenen Häftlinge wurden am Morgen des 12. April nach Großmühlingen getrieben. Anwohner der Winkelgartenstraße erinnern sich, dass sie beim Passieren des Häftlingszuges die Straße verlassen und Fensterläden schließen mussten. Zur Verpflegung der Häftlinge mussten die Bauern des Ortes Kartoffeln bereitstellen. Ungewaschen wurden sie hastig in Dampfgarern gekocht, wie sonst das Futter für das Vieh zubereitet wurde. In Eggersdorf verblieben noch 33 Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Schwächung für eine Flucht oder einen Weitertransport zu schwach waren. Sie kamen bei Familien des Ortes unter, die Amerikaner übernahmen die medizinische Versorgung.

An den für ihn schicksalhaften Moment, als er vor die Tür der Eggersdorfer Scheune trat als Moment der Befreiung erinnert sich Ewald Hanstein in seiner Biographie "Meine hundert Leben ..." wie folgt: "Endlich draußen, war kein Mensch zu sehen. In dem Moment wusste ich, dass es geschafft und ich frei war! Wenig später trafen die Amerikaner mit ihren Panzern ein. WELCH EIN GLÜCKSGEFÜHL! WIR WEINTEN VOR FREUDE!"

Die Gedenktafel wurde auf Initiative des Eggersdorfer Heimatvereins angebracht. "Es soll an die Opfer des Faschismus und an die damaligen Ereignisse im Dorf erinnern und daran, dass Hass und Intoleranz in keiner Gesellschaft ihren Platz finden sollten", sagte Landtagsabgeordnete Silke Schindler nach der Enthüllung.

Es sei eine elementare Aufgabe jedes Bürgers, auch in der Gegenwart Zeichen zu setzen, sagte Bördelands Bürgermeister Bernd Nimmich. "Wenn ich mir anschaue, in welchem Umfang und Art und Weise manche Partei in unserer Gemeinde vor allem in den vergangenen Tagen für die Landtagswahl wirbt, dann halte ich das für besorgniserregend." Jeder Wähler trage daher mit seiner Entscheidung eine hohe Verantwortung.

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