Mehrmals in der Woche steigen junge Menschen in der Schönebecker Vollbring-Halle in den Ring. Sie lernen Boxen, einer der Trainer ist Frank Käsebier. Als ehemaliger Boxer findet er seinen ganz eigenen Weg, die Mädchen und Jungen zu begeistern. Und er hat eine eigene Philosophie, was der Sport zu leisten vermag.

Schönebeck. Oliver sitzt am Rand des Rings auf einer Bank. Der 13-Jährige hat den Kopf in die Hände gelegt und schluchzt. Oli stand bis eben noch in den Seilen. Doch eine Unachtsamkeit, ein kurzer Moment der Unkonzentriertheit, die fehlende Deckung: Beim Boxen kassiert man dafür sofort die Rechnung. Frank Käsebier setzt sich zu ihm.

Der Trainer hat nicht nur die richtigen Techniktricks für die Nachwuchsboxer des Schönebecker Polizeisportvereins, er weiß auch genau, wie er die Mädchen und Jungen nach einem solchen Kampf ansprechen muss. "Ich glaube, es ist nicht mal der Schmerz, es ist die Wut über sich selbst, über den gemachten Fehler, der einem die Tränen in die Augen treibt."

"Boxen setzt beim Menschen an und geht auf seine Fertigkeiten ein"

Wenn Frank Käsebier das sagt, glaubt man ihm das uneingeschränkt. Der Schönebecker hat das Boxen im Blut. In Schönebeck geboren, machte er seine ersten Gehversuche im Ring der Abteilung Boxen von Dynamo. Seit 1990 gehört dieser Bereich dem Polizeisport der Elbestadt an. 15 Jugendliche, darunter auch vier Mädchen, trainieren mehrmals in der Woche mit Frank Käsebier und anderen, genannt sei stellvertretend Torsten Reinhards, in der Franz-Vollbring-Halle.

"Man kann alles lernen", sagt Frank Käsebier. Dazu müsse man anfangs nicht muskulös sein. Allerdings sei ein ärztliches Gutachten unbedingte Voraussetzung für das Training. Und dann geht es auch schon los. Relativ schnell, nach gut einem Vierteljahr, sei man fit für den Ring, sagt der Trainer. Vorher gibt es die Grundschule, mit linker Gerade, rechter Gerade, mit dem Blick auf die richtige Schrittstellung. Dann wird der individuelle Boxtyp trainiert. "Boxen setzt beim Menschen an", sagt Frank Käsebier. Deshalb sei auch das Training individuell. Nicht umsonst reden Experten vom Boxstil. Da gibt es die Techniker oder die Athletiker. Deren Stärken müssten gefördert werden, so der Trainer. So, dass Defizite ihren Ausgleich finden. "Und genau das muss das Trainingsprogramm beachten." Kraft sei wichtig, aber noch viel wichtiger Kondition und Koordination von Armen und Beinen, von Bewegungsabläufen. Deshalb lässt Frank Käsebier seine Schützlinge neben dem Training in der Halle Laufen und Seilspringen. "Der Boxsport formt den Menschen", meint der Trainer. Nicht, dass man Aggressionen aufbaue, sondern viel besser mit ihnen umgehen, sie steuern kann. Frank Käsebier gibt dasganz freimütig auch für sich selbst zu. "Als Kind war ich kein Einfacher. Der Boxsport hat mich erzogen."

Frank Käsebier hat dabei die ganze "Schule" selbst durch. Mit 13 Jahren startete er 1965 mit dem Boxsport in Schönebeck. Interessiert hat ihn das Boxen, weil es zur Familie gehörte. Der Vater stand im Ring, ebenso drei der vier Brüder. "Nur der Jüngste wurde Fußballer." Im Magdeburger Sket wurde Frank Käsebier Maschinenreparaturschlosser und, viel wichtiger für den jungen Mann, weiter gefördert. Vormittags ging es zur Arbeit, nachmittags zum Training. Am Wochenende stand das Ligatraining an. Frank Käsebier boxte in der DDR-Liga. Mit 18 Jahren wurde er DDR-Meister im Leichtgewicht. "Wenn du so in dem Sport aufgehst, dich dafür interessierst, mitmachst, kämpfst, dann ist das das Ziel deiner Träume."

Aber er hat bei insgesamt 156 Kämpfen in seiner Karriere auch gelernt, Niederlagen einzustecken und damit umgehen zu müssen. 1970 boxte er bei einem internationalen Turnier. Engländer, Ungarn und Rumänen waren dabei. Sein Gegner war weitaus überlegen, der Kampf schnell vorbei. "Die eigenen Grenzen aufgezeigt zu bekommen, ist schmerzhafter als ein Schlag."

Mit dem Älterwerden stellte sich bei Frank Käsebier auch eine weitere Erfahrung ein. "Man wird langsamer. Die Reflexe sind irgendwann weg." Für ihn war klar, dass damit mit dem aktiven Boxsport Schluss ist. Doch, ein echter Kämpfertyp eben, an Resignation war nicht zu denken. Frank Käsebier machte weiter - als Trainer. Zwei Monate vor der politischen Wende 1989 kehrte er offiziell von Magdeburg zum Schönebecker Boxen zurück. Seit 1985 eignete er sich die Grundlagen als Lehrmeister an. "Ich wollte etwas bewerkstelligen und selbst aufbauen. Das geht besser, wenn man sein eigener Herr ist."

In der Elbestadt hängte der einstige Boxtrainer gerade seine Handschuhe an den Nagel. Für Frank Käsebier die beste Gelegenheit, sich in seiner neuen Aufgabe beweisen zu können. Beim Polizeisportverein baute der Trainer allmählich den Nachwuchs auf, unabhängig von einer Vereinsmitgliedschaft der Kinder und Jugendlichen. Motivation für dieses besondere Ehrenamt findet er in jeder Übungseinheit. "Für mich ist es die Begeisterung mit Kindern und Jugendlichen etwas zu machen, sie selbst zu begeistern, ihnen Glauben an sich selbst und ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken." Genau wie seine Schützlinge sieht sich Frank Käsebier immer wieder neu herausgefordert von den Aufgaben, die, wie er sagt, zuerst Disziplin verlangen. Ergänzt wird das durch den sportlichen Gedanken, dass jeder willkommen ist, Gemeinschaft und Teamgeist wird gefördert, auch wenn beim Boxen zwei gegeneinander antreten. Da komme der Respekt vor dem anderen ins Spiel, so der Trainer, egal welchen Alters oder Nationalität.

"Ich will gern mit einem Motorrad durch Amerika fahren"

Neben dem Sportlichen kümmert sich Frank Käsebier auch um das Organisatorische und wird dabei von vielen Helfern unterstützt. Fangen die jungen Leute mit dem Training an, bekommen sie Handschuhe, Kluften oder Kopfschutz gestellt. Bandagen und Mundschutz müssen sie sich selbst besorgen. Eine eigene Liga, wie zu Frank Käsebiers Jugendzeiten, gibt es nicht mehr. "Dafür boxen zu wenig." Aber in regem Austausch mit anderen Vereinen tritt man auch mal gegeneinander an. Einige der Schönebecker Boxer bringen es dabei richtig weit. So ist David Stein Mitteldeutscher Meister 2010 geworden, andere feilen auf der Magdeburger Sportschule an ihren Karrieren weiter. So lange wie es geht, will Frank Käsebier noch das Training leiten. "Herzblut und Gesundheit müssen mitspielen."

Und auch wenn sich vieles ums Boxen dreht, sein größter Traum zielt in eine ganz andere Richtung. "Ich will gern zusammen mit meiner Lebensgefährtin auf einem Motorrad durch Amerika fahren", erzählt der Schönebecker. Seine Augen glänzen dabei, genau so, wie wenn er über das Boxen spricht. Im Moment gilt dem aber noch seine volle Konzentration. Frank Käsebier klopft Oliver ein paar Mal auf die Schulter. Der hebt den Kopf aus den Händen, schaut seinen Trainer an und lächelt wieder. Und auf die nächste Runde im Ring freut er sich schon wieder richtig.